Der letzte Film, den ich gesehen habe

Benutzeravatar
motörwolf
Beiträge: 210
Registriert: 20 Feb 2026, 13:38
Wohnort: nahe Aachen
Has thanked: 80 times
Been thanked: 57 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

@TheMagneticField
An Horrorfilmen, wobei ich den Begriff hier relativ weit fasse, empfand ich folgende Filme aus dem ein oder anderen Grund als vergleichsweise "frisch". Das heißt nicht zwangsläufig, dass der betreffende Film in jedem Fall ein Kracher ist, die meisten aber schon.

Heretic
Companion
Blood & Sinners
28 Years Later
Together
Weapons
Bring her back
Good Boy
Bugonia
Keeper
28 years later 2
Dust Bunny
The Bride
Backrooms
Obsession


Darüber hinaus gab es aber noch etliche weitere gute Genrebeiträge, die vielleicht weniger originell, aber nicht unbedingt weniger gut waren. Abigail, Death of a Unicorn, They will kill you, The Monkey und Final Destination 6 zum Beispiel haben mir alle mindestens Spaß gemacht.
Benutzeravatar
motörwolf
Beiträge: 210
Registriert: 20 Feb 2026, 13:38
Wohnort: nahe Aachen
Has thanked: 80 times
Been thanked: 57 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von motörwolf »

Bild

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (Disclosure Day, Steven Spielberg, 2026)
Vor dem Hintergrund eines drohenden Dritten Weltkrieges versuchen der Cyber-Sicherheitsexperte Daniel und die TV-Meteorologin Margaret der Welt die Wahrheit über Außerirdische enthüllen. Die kennt bisher vor allem die zwielichtige Firma Wardex, die alles daran setzt, die beiden zu stoppen.
Das Fazit gleich vorweg: Was für eine Enttäuschung! Der allergrößte Teil des Films zeigt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Daniel und Margaret auf der einen und Wardex und der Regierung auf der anderen Seite. Das hat man ähnlich schon x-fach gesehen, eine übermächtige Institution mit fast grenzenlosen Ressourcen schafft es trotzdem nicht, der eigentlich hoffnungslos unterlegenen Helden habhaft zu werden. Man fühlt sich schnell an Filme wie Auf der Flucht (The Fugitive, Andrew Davis, 1993) oder Der Staatsfeind Nr 1 (Enemy of the State, Tony Scott,1998) erinnert, und Spielberg kann dem wenig hinzufügen. Im Unterschied zu den genannten Filmen gibt es hier immerhin den Einsatz von etwas Alien-Technologie, aber auch die ist letztlich unspektakulär. Erst im letzten Drittel, wenn enthüllt wird, was Daniel und Margaret für ihre Mission prädestiniert hat, wird der Film ein wenig interessanter. Und richtig stark sind die letzten Szenen, die die Reaktion der Welt zeigen, als schließlich die Wahrheit enthüllt wird (sorry wegen des Spoilers :;). Das Problem damit ist nur, dass man dabei schnell das Gefühl hat, der Film wäre um ein vielfaches besser geworden, hätte man alles vorher erzählte in 20 Minuten behandelt und dann an die jetzt letzten Bilder angeknüpft.
Obwohl Spielberg viele seiner alten Themen aufgreift (Aliens, der 'böse' Staatsapparat, der Sieg des Menschlichen über die Technokratie) hatte ich nie das Gefühl, in einem Spielberg-Film zu sitzen. Den Zauber, den er zuletzt mit seiner Version der West Side Story (2021) und auch den Fabelmans (2022) noch versprühte, vermisse ich hier völlig. Um dem Film gegenüber fair zu sein, müsste man ihn daher eigentlich zweimal bewerten. Einmal als Film und einmal als Spielberg-Film. Das wären dann 5,5/10 bzw. 3/10 Rotkardinälen.

@lysol
Spannend, wie unterschiedlich wir den Film wahrnehmen.
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 1328
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 301 times
Been thanked: 203 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »



Tag 4 beim Il Cinema Ritrovato ... zum Start ein zweiter Film aus der Barbara Stanwyck-Reihe (das passt so, die meisten dort kenne ich - "Ball of Fire", "Baby Face", "Double Indemnity", "The Lady Eve", "Forty Guns" - dafür muss ich nicht ans Festival fahren ... neuer Avatar zu ihren Ehren, dasselbe Foto, das dieses Jahr beim CR das Poster und den Katalog ziert): Ladies of Leisure (USA 1930) von Frank Capra. Nicht ganz auf der Höhe der besten, aber ein schöner Einstieg in den Tag.

Um 11 Uhr gab es wie üblich Mitchell Leisen, mit einem neuen zweiten Favoriten Hold Back the Dawn (USA 1941). Billy Wilder hatte (mit Charles Brackett) das Skript geschrieben und Leisen hatte es so sehr angepasst, dass Wilder erbost darüber selbst zum Regisseur wurde ... klar herrscht bei Leisen ein milderer Ton, aber der passt hier wieder mal perfekt, wie die Bilder, wie die Ausstattung, wie die Musik (Victor Young), wie der Cast, in dem Charles Boyer den zynischen rumänischen Flüchtling gibt, der in Mexico (Tijuana vermutlich, aber die Stadt hat keinen Namen) im Kaff an der Grenze wartet, bis er in die USA einreisen darf - was Jahre dauern wird, wie ihm beschieden wird. Als ehemaliger Antänzer und Escort (Wilders einstiger Job) trifft er seine einstige Partnerin wieder, die nur zu Besuch ist, denn sie hat denselben Weg beschleunigt genommen - via Heirat. Es ist der 4. Juli und die US-Touristen strömen in Scharen in die Stadt. Boyer wittert seine Chance und versucht sein Glück - doch gerät er nur an verheiratete Frauen, die auf ein kleines Abenteuer aus sind. Bis ihm die naive blonde Lehrerin wieder begegnet, mit der er sich am Morgen gestritten hatte, worauf diese einen Autounfall hatte. Um sie länger bezirzen zu können, sorgt er dafür, dass das Auto erst am nächsten Morgen repariert werden kann - und heiratet sie noch vor der Heimreise. So einfach geht das natürlich alles nicht, und eine tolle Rahmenhandlung gibt es auch noch: Boyers Figur platzt in ein Hollywood-Studio, wo ein Regisseur (Leisen selbst) gerade einen Film dreht, erzählt diesem in der Mittagspause seine Story in der Hoffnung, dafür ein paar Dollar zu kriegen. Den eigentlichen Film sehen wir als grosse Rückblende und dann geht es am Ende noch ein wenig weiter - nachdem der zuständige Grenzpolizist zu Leisen, der ein gutes Wort einlegen will, sagt: "you stick to directing motion pictures". Ganz toller Film.

Am Nachmittag in der Cinemalibero-Schiene dann eine grosse Entdeckung aus Griechenland: Eva (GR 1953), einer der siebzehn vergessenen Filme der vergessenen ersten Regisseurin des Landes, Maria Plyta (1915-2006, die Filme entstanden wohl von 1950-1970 - wie so oft gab es auch hier eine Einführung und diese mal auch noch eine kleine Broschüre zum Film, der Film wurde frisch restauriert und auch in Cannes gezeigt). Ein modernistisches Meisterwerk, das ähnliche Bilder - oft karg, schweigsam, selbstverständlich in Schwarzweiss und auf einer felsigen Insel gedreht - wie die Filme Antonionis oder Bergmans. Eva lebt unglücklich mit einem unerträglichen Ehemann, der nur am Sonntag auf die Insel kommt. Am Strand trifft sie einen jungen Mann, er sei aus dem Meer aufgetaucht, sagt sie später. Sie nimmt sich, was sie begehrt, mit ein paar anderen Besucher*innen gibt es ein paar Szenen in der lokalen Bar am Hafen, am Strand, etwas Eifersucht, eine Liebsszene - alles nur angedeutet, Sätze bleiben kurz und unvollendet, es bedarf eigentlich alles eh keiner Worte. Toll dazu die Musik von Mikis Theodorakis.



Danach Stummfilmprogramm und Auftakt der kleineren Reihe, die Josephine Baker gewidmet ist. Hauptfilm war La Revue des Revues (FR 1927), eine Ausrede von einem Film von Joe Francis/Alex Nalpas. Hauptsächlich dient der toll eingefärbte Film dazu, die Acts der Music Hall zu präsentieren - und das zieht sich schier endlos dahin (103 Minuten hiess es, kamen mir wie drei, vier Stunden vor - sind auch ein paar Leute raus, aber vermutlich nur wegen der Verzögerung durch die lange Einführung, weil sie sonst Anschlussfilme verpasst hätten). Von Baker gibt es darin zwei kurze Auftritte, auf die man allerdings lange warten muss. Als Vorfilme wurden noch zwei ihr allein gewidmete gezeigt, ein bzw. drei Minuten lang, natürlich restaueriert (fast alles, was man von den Festivalfilmen auf YT findet, ist es nicht und ist in der Regel wirklich kaum anschaubar, wenn man die 4k-Restaurationen gesehen hat, auch "Eva" gibt es komplett in der Tube), [Revues des Folies Bergère] (FR 1926) und [Folle du jour-Folies Bergère] (FR 1926) - ich nehme an, das sind Fragmente bzw. Auszüge von sonstwo, daher die eckigen Klammern. Begleitet hat Maud Nelissen am Klavier (und Melodica) und leider nicht wie angekündigt Frank Bockius sondern Alice Zecchinelli am Schlagzeug (ich glaub ich sah sie hier schon als Pianistin, sie nahm meist eine ziemlich untergeordnete Rolle ein, unterlegte aber die Baker-Szenen - in denen beiden eine grosse Jazzband zu sehen ist - mit Bongos, während Nelissen da aussetzte ... eine fragwürdige Entscheidung, die die alten Exotismus weiter transportiert - das gefiel mir von der Idee her gar nicht, die Umsetzung war schon ok).

Ich blieb dann im Stummfilm-Kino für ein zweites Programm, bei dem ich keine Erwartungen hatte und das den Saal nur halb füllte, aber sehr viel besser war. Caroline fait du sabotage (FR 1914, 9') ist ein Kurzfilm von Roméo Bosetti, in dem eine renitente Hausangestellte für viel Unbill sorgt - Slapstick von der destruktiven Sorte. Es folgte der Hauptfilm Le Nabab (FR 1913, 55’) von Albert Capellani, der den Weg eines armen Sohnes verfolgt, der nach Südafrika geht und reich wird, nach seiner Rückkehr Opfer einer Intrige wird (er verliert die erhoffte Frau und den angestrebten Posten als Abgeordneter in Paris) und am Ende zur Mutter zurückkehrt. La jolie Bretonne (FR 1914, 34’) von Ferdinand Zecca/René Leprince folgte. Ein Maler ist mit Tochter in der Bretagne, findet ein Modell, dessen Freund mit der Marine in den Krieg ziehen muss ... der Maler verliebt sich, da U-Boot sinkt - doch der Freund überlebt. Den Abschluss machte dann
Un bon drame (FR 1913, 3’), für den Bosetti das Szenario schrieb (Regie ist unbekannt). In einem Theater weinen und lachen die Zuschauer so viele Tränen, dass sie am Ende in einem Meer aus Tränen versinken - groteske Pappmaché-Hände ragen applaudierend aus dem Wasser. Toll. Und hervorragend begleitet von Stephen Horne (p, acc, fl).



Trotz Erschöpfung und kaum noch zu ertragender Hitze bin ich danach noch zum Open Air auf die Piazza - und bin froh darüber. Highlights from Alfred Hitchcock's Home Movies (USA, 1928–36, 16’) standen zuerst auf dem Programm. Kurz vor der Geburt ihrer einzigen Tochter Pat kauten Alfred Hitchcock und Alma Reville eine 16mm-Kamera und machten fortan die üblichen Home-Movies: Baby mit Hunden, Baby mit Nanny, Eltern mit Freunden, Geburtstage, Sport, Urlaub in Rom und im Engadin ... Tessa Idlewine vom Academy Film Archive hat eine Auswahl zusammengestellt, eingeführt und während der Vorstellung (Daniele Furlati am E-Piano) kommentiert - und das war sehr unterhaltsam, weil es einerseits die alltägliche Banalität zeigt, andererseits aber Hitchcock in jungen Jahren aber bereits sehr voluminös, beim Herumalbern mit der Tochter, den Hunden oder Freunden zeigt. Das Highlight am Schluss: während Frau und Tochter zum Skifahren oder Schlitteln gehen, lümmelt Alfred im hautengen Onesie-Pijama zuhause herum - mit der Grazie eines See-Elefanten posiert er am Fenster mit Blick in die verschneite Umgebung. Der Hauptfilm danach war The Stranger (USA 1946), Orson Welles' einer "normaler" Film: im Auftrag produziert, ohne Teilhabe an Drehbuch und Schnitt - und dennoch voller sehr besonderer Bilder, ein Spiel mit Licht und Schatten, mit speziellen Kamerawinkeln usw. Welles spielt den abgetauchten Nazi, der in einer Kleinstadt gerade die Tochter (Loretta Young) des Bundesrichters heiratet. Doch Ein Ermittler (Edward G. Robinson) ist im auf der Spur, verfolgt einem gezielt freigelassenen ehemaligen Lakai des Masterminds hinter den Vernichtungslagern, als der Welles' Figur dargestellt wird. Ein toller Film, bei dem man echt nicht auf 1946 tippen würde, eher 5-10 Jahre später, allein der Machart wegen.
Zuletzt geändert von gypsy tail wind am 24 Jun 2026, 08:31, insgesamt 1-mal geändert.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00
Benutzeravatar
kathisi
Beiträge: 804
Registriert: 24 Feb 2026, 16:13
Wohnort: Wittten
Has thanked: 182 times
Been thanked: 144 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von kathisi »

gypsy tail wind hat geschrieben: 23 Jun 2026, 07:54
Gestern ging es in der Leisen-Reihe mit No Man of Her Own (USA 1950) am Morgen [....], einem Noir, wie Leisen ihn wohl nur widerwillig drehte, glänzt Barbara Stanwyck, die nach einem Zugunglück die Identität einer anderen hochschwangeren Frau annimmt, die mit ihrem Mann umkommt. Im Krankenhaus kommt ihr Kind zur Welt und die Familie des Ehemannes, die sie noch nicht mal auf einem Foto gesehen hatte, erwartet sie. Die mittellose Frau kommt in einen liebevollen Haushalt, ihr Schwager merkt zwar bald, dass etwas nicht stimmt, doch verliebt er sich in sie und hilft ihr später aus der Klemme - denn ihr Ex-Geliebter kriegt Wind von der Sache und erpresst sie ... toller Film, grossartige Stanwyck!

Jetzt wissen wir, woher die Drehbuchautoren von "While You Where Sleeping" die Grundidee der Komödie geklaut haben...
Love Goes On!
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 1328
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 301 times
Been thanked: 203 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Die Vorlage für Leisens Drehbuch (von Sally Benson und Catherine Turney geschrieben) ist der Roman "I Married a Dead Man" von Cornell Woolrich aus dem Jahr 1948. Den Film von 1995 kenne ich leider nicht, aber wenn ich den Plot bei Wiki nachlese, klingt manches schon recht ähnlich.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00
Benutzeravatar
kathisi
Beiträge: 804
Registriert: 24 Feb 2026, 16:13
Wohnort: Wittten
Has thanked: 182 times
Been thanked: 144 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von kathisi »

gypsy tail wind hat geschrieben: 24 Jun 2026, 08:35 Die Vorlage für Leisens Drehbuch (von Sally Benson und Catherine Turney geschrieben) ist der Roman "I Married a Dead Man" von Cornell Woolrich aus dem Jahr 1948. Den Film von 1995 kenne ich leider nicht, aber wenn ich den Plot bei Wiki nachlese, klingt manches schon recht ähnlich.
Die Woolrich-Romane haben was - da sind ja viele davon verfilmt worden.
Love Goes On!
Benutzeravatar
Grievous Angel
Beiträge: 209
Registriert: 12 Mär 2026, 01:46
Wohnort: Wuthering Heights
Has thanked: 22 times
Been thanked: 85 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Grievous Angel »

Danke für eure neuesten Eindrücke! :)
motörwolf hat geschrieben: 24 Jun 2026, 02:46 Den Zauber, den er zuletzt mit seiner Version der West Side Story (2021) und auch den Fabelmans (2022) noch versprühte, vermisse ich hier völlig.
Erinnerst du dich eventuell noch daran, wie viele Punkte du für die "Fabelmans" übrig hattest? Ich bin zwar selbst davon ein wenig überrascht, aber ich musste feststellen, dass das tatsächlich mein Lieblings-Spielberg ist...

Passend zum Thema:

Sein gefühlt einziger wirklich übersehener Film "Always" von 1989 hätte mein zweiter Favorit werden können. Den habe ich dieses Jahr zum ersten Mal gesehen. Ganz toller Beginn und einige magische Momente, dazu den allerletzten Auftritt von meiner Göttin Audrey Hepburn, aber irgendwie funktioniert die zweite Hälfte dann nicht mehr so wirklich für mich. Ich mag an "Always" zwar genau, dass es eben ein kleiner, entschleunigter und persönlicher Film, den Spielberg sich ja lange nicht machen (zu)traute, nach dem dritten Indy-Teil und den anderen Blockbustern der 80er ist, aber so ganz smooth trägt sich die Prämisse für mich nicht über zwei Stunden.
Zuletzt geändert von Grievous Angel am 06 Jul 2026, 04:59, insgesamt 1-mal geändert.
keep on sailing.
Benutzeravatar
salamandersalat
Beiträge: 408
Registriert: 07 Dez 2023, 17:38
Has thanked: 256 times
Been thanked: 101 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von salamandersalat »

Zuletzt gesehen:



Dolor y gloria (Regie: Pedro Almodóvar - Spanien, 2019) 8,5/10
Acts of Vengeance (Regie: Isaac Florentine - USA/Bulgarien, 2017) 4,5/10
The Elephant Man (Regie: David Lynch - USA/Großbritannien, 1980) [Re-Watch] 8,5/10
Gli orrori del castello di Norimberga [European Cut] (Regie: Mario Bava - Italien/BRD, 1972) 8/10

Manchmal beschleicht mich der Verdacht, Antonio Banderas lebt in zwei Ausführungen: In seiner ursprünglichen spanischen Existenz (und vor allem unter der Regie von Pedro Almodóvar) tritt er als versatiler Schauspieler auf, kann Figuren mit eigenem Leben füllen, sein Charisma übersetzt sich von der Leinwand ins Publikum.
Muss er hingegen in Hollywood arbeiten, verflacht seine Darstellung, er wirkt oberflächlich und leicht dümmlich wie z.B. auch Stallone. Liegt es am Rollenangebot? Kann er in seiner Muttersprache an Schichten rühren, die ihm im Englischen verschlossen bleiben? Oder steht und fällt ein Schauspieler tatsächlich mit dem Regisseur, der ihn dirigiert?
Wie auch immer: Dolor y gloria und Acts of Vengeance führen Banderas konträre Seiten fast schon mustergültig vor Augen.
Nebenbei: Die Wohnungseinrichtung der Hauptfigur in Dolor y gloria ist mal wieder großartig. Ich möchte in einem Almodóvar-Film wohnen.

Fun Fact:
The Well to Hell hoax is an urban legend that circulated on the internet and in American tabloids in the late 1990s. The hoax was that a borehole in Russia was purportedly drilled so deep that it broke through into Hell, and that seismologists in Siberia recorded sounds in the nine-mile deep pit that included yells and haunting screams for help from sinners supposedly sent to Hell. The recording, however, was later revealed to have been a cleverly remixed portion of the soundtrack of Gli orrori del castello di Norimberga, with various effects added.
Keramikvasen geh'n jetzt wieder viel leichter kaputt.
Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 1328
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 301 times
Been thanked: 203 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Tag 5 beim Festival in Bologna war wieder übervoll ... und heute gibt es noch so einen Tag, danach werden die letzten drei etwas ruhiger (auch weil ich um 22 Unr bei 30 Grad nicht jeden Abend ans Open Air gehen mag, es ist einfach zu heiss ... 40 Grad werden es am Wochenende und ich schlafe kaum mehr als 4-5 Stunden die Nacht).



Mudar de Vida (Portugal, 1966) war die grossartige Entdeckung in der Frühvorstellung (9:00 - da ich meistens eh zwischen 5 und 6 erstmals wach bin, ist das eigentlich auch schon spät genug), ein Film von Paulo Rocha, ein zentrales Werk des "Cinema Novo". Adelino kehrt aus dem Militärdienst zurück, den er in Afrika noch verlängert hat - und es fällt ihm schwer, sich im armen Fischerdorf wieder einzufinden. Seine Geliebte hat inzwischen Kinder mit seinem Bruder und er wirft ihr den Verrat vor. Am Rücken verwundet kippt er bald bei der harten Arbeit auf dem Fischerboot um und muss sich leichtere Arbeit suchen. Immer wieder konfrontiert er seine Schwägerin, doch der Film ist schweighaft, spricht in eindringlichen Bildern, die im neorealistischen Stil den Alltag - die Fahrten auf den einfachen Ruderbooten, das Einholen der Netze mit Ochsen, das Aufschneiden der Netze und dann das wieder zusammennähen, bevor am nächsten Tag alles von vorn beginnt. Aber auch der Alltag im Haus des Bruders, mit den Eltern, den Kindern. Und das Meer, das sich immer wieder ein paar weitere der nah an den Strand gebauten Hütten holt. Einmal helfen die Menschen, das Hab und Gut einer Familie aus dem Meer zu fischen, die Frauen kratzen im Nadelwald Holz zum Kochen zusammen oder schütten mit Sand den Strand neu auf, in der Hoffnung, dass ihr Leben nicht so schnell verschwindet. Doch das Meer gibt immer weniger her, immer mehr Menschen geben auf, ziehen weg, suchen Arbeit in den Städten oder in der örtlichen Fabrik. Zwischen diesen Alltagsbildern erzählt der Film auch - schweigsam und in anderen Bildern, die dann eher an die Nouvelle Vague oder Antonioni erinnern - das Seelendrama des jungen Mannes, der immer wieder mit seiner einstigen Geliebten spricht, nicht loskommen kann, bis er schliesslich in einem Unterstand auf dem Land seines Patrons. Und da lernt er dessen Tochter kennen, eine unabhängige junge Frau, die sich von niemandem etwas sagen lässt, den Opferstock in der Kirche ausraubt, Adelino mit dem Messer bekämpft - am Grund eines ausgetrockneten Brunnens. Am Ende gehen die beiden vielleicht zusammen weg - vielleicht auch nicht. Kein Wunder, dass Pedro Costa sich um die Restaurierung bemüht hat - in einigen Einstellungen nimmt Rocha schon die Filmsprache von Costa vorweg, vor allem bei Einstellungen des einstigen Paares in Engen Räumen. Und exzellente Gitarrenmusik von Carlos Paredes gibt es als Soundtrack. Grandioser Film!



Auch gestern gab es wieder zwei Filme aus der Mitchell Leisen Retro, beide, besonders der erste, Highlights. Hat der Mann je einen schwachen bzw. nur mittelguten Film gemacht? Swing High, Swing Low (USA 1934, 96’) erzählt die Geschichte von Maggie (Carole Lombard) und Skid Johnson (Fred MacMurray), die sich in Panama kennenlernen - sie gerade gefeuert vom Job im Friseursalon auf einem Schiff, er gerade aus dem Militärdienst ausgetreten. Sie müssen über die Runden kommen. Er, ein unzuverlässiger Spieler und Trinker, sie wie im Film davor ("Hands Across the Table") eine einfache Frau mit grossem Herz. Er hat ein Talent als Trompeter und die beiden heuern in einer Bar an - und merken, dass sie auch im Duo ganz gut funktionieren. Der Film ist ein halber Jazzfilm und ist echt gut gemacht, mit viel Swing-Musik (Phil Boutelje und Victor Young und diverse Songs von Burton Lane/Ralph Freed, Sam Coslow, Ralph Rainger/Leo Robin ...) - und eine umwerfende Komödie, die sich natürlich so halb wie ein Sequel zu "Hands Across the Table" anfühlt. Sehr gut ist auch Dorothy Lamour als Konkurrentin der Titelheldin - die bessere Sängerin auf jeden Fall.

Am Nachmittag folgte dann noch No Time for Love (USA 1943), in dem MacMurray als (vermeintlicher) Tunnelarbeiter auf eine völlig von sich selbst absorbierte Photographin (Claudette Colbert) trifft. Sie macht kunstvolle abstrakte, nicht-belebte Photographie und arbeitet für die Zeitung ihres Verlobten, wird immer wieder gefeuert, weil niemand ihre Fotos versteht, muss aber auch immer wieder eingestellt werden, nachdem der zuständige Redakteur sich entschuldigen muss. Colbert kriegt also den Job, den Tunnelbau zu dokumentieren, schiesst ein Foto von MacMurray, der oben ohne in eine Schlägerei gerät und zum "ape" wird, nachdem die Zeitung das eigentlich nicht freigegebene Bild veröffentlicht - woraufhin dieser seinen Job verliert. Vom schlechten Gewissen geplagt, stellt die Photographin ihn als Assistenten ein - eigentlich, um sich die Faszination, die sie empfindet, möglichst rasch abzugewöhnen. und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Es gibt die üblichen Irrungen und Wirrungen, Liebeleien usw., der Clash zwischen der eleganten Upper Class von Colberts Kreis (inklusive eines schwulen Pianisten, der eine immer grössere Rolle im Film einnimmt) und den einfacher gestrickten Arbeitern wird ausgekostet, aber ohne dass der Film ein echtes soziales Gewissen hätte. Leisen ist mehr daran interessiert, einen Topos herauszuarbeiten, der auch in "Swing High, Swing Low" zentral ist: den des Mannes, der Mühe hat damit, von einer Frau "gerettet" zu werden. Der Film wurde unter Kriegskonditionen gedreht (u.a. mit wiederverwerteten Sets von "The Palm Beach Story"), was die Tunnelbau-Szenen umso eindrücklicher macht.

Der Nachmittag öffnete mit dem letzten Film von Ebrahim Golestan, Asrar-e Ganj-e Darre-ye Jenni (Secrets of the Jinn Valley Treasure) (IR 1974/1978), einer Gesellschafts- und Politsatire, in der ein armer Tölpel auf einen riesigen Schatz stösst und damit die Dorfwelt umkrempelt. Er wird zum Hosentaschenformat, von Nachbarn beargwöhnt und bald genau beobachtet - und bald hat er eine ganze Traube von Profiteuren um sich geschart, soll eine zweite Frau aus der Stadt heiraten, heuert einen Architekten an, der ihm ein goldenes Pimmelhaus - ein Turm zwischen zwei space-igen Kugeln - baut. Es gibt eine lange Hochzeitssequenz, die fast schon Kusturica vorwegzunehmen scheint ... ein Film über Korruption und über eine aufsteigende Klasse Neureicher, bei dem es in Teheran bei den ersten Aufführungen Gejohle und Applaus gab, auch weil viele Figuren im Film erkennbar an echten Vorbildern orientiert waren (im Buch gibt es einen Disclaimer, dass im Fall von Ähnlichkeiten mit realen Personen diese sich schämen sollen). Ein Herzensprojekt von Festival Co-Leiter Ehsan Khoshbakht, aber leider nach diversen Meisterwerken des neuen Iranischen Kinos der späten Sechziger und Siebziger kein Film, der für ein westliches Publikum wirklich funktioniert. Er ist auch im späteren Cut noch sehr lang (118 Minuten). Dieser zweite Cut scheint eng am ersten zu sein, aber den Film etwas zu straffen und war wohl Golestans letztes Wort. Von da rührt 1978 als zweite Jahreszahl - es ist aber nicht klar, ob der Cut gezeigt wurde, denn der Film und Golestans eigene vorab veröffentlichte Buch-Version wurden verboten, nachdem der Erfolg des Films die Zensoren auf den Plan gerufen hatte.

Der Nachmittagsblock in meinem Lieblingskino hier (dem "Jolly"), endete wie üblich nach Cinemalibero (Golestan) und dem zweiten Leisen-Film mit einem aus der Daisuke Ito Reihe. Gestern war es Gero no kubi (The Servant’s Neck) (JP 1955), in dem ein Diener eines jungen Herren von diesem im Rahmen einer aus dem Ruder laufenden Rache-Geschichte verraten und letztlich von den Mördern des Vaters des jungen Herren getötet wird - zusammen mit seiner Geliebten, die ihn auf seiner Flucht begleitet hat. Natürlich war Tsumasaburo Bando für die Hauptrolle vorgesehen, doch nach seinem Tod 1953 blieb das Projekt erstmal liegen und wurde dann für Jun Tazaki überarbeitet und angepasst. Zu den vielen verlorenen Stummfilmen von Ito (und überhaupt Japans) gehört auch "Gero" (The Servant) von 1927, in dem wie es scheint praktisch dieselbe Geschichte schon erzählt wurde. Ito hatte nach dem Erfolg (Platz 9 der Kinema Jumpo Jahresbestenliste) eine Trilogie daraus machen wollen, doch daraus wurde nichts - erst in der Nachkriegszeit scheint er mit dem neuen Film den Verlust wettzumachen gewollt haben. Einmal mehr - das Thema verbindet den Film mit "Oedo gonin otoko" - ein Film über Epochenumbrüche, das Ende von Gesellschaftsordnungen oder zumindest eine massive Kritik daran. Es geht natürlich um den Feudalismus, aber die Filme wirken überraschend aktuell und verständlich mit ihren politischen Untertönen.



Am Abend bin ich - glaub ich zum einzigen Mal, ich hab noch eine Reservierung, aber die gebe ich frei ... zu heiss und zu rückenbrecherisch die billigen Plasticstühle - zum kleinen Open-Air bei der Cineteca, wo mit einem Kohlelampen-Projektor Stummfilme aufgeführt werden. Maud Nelissen begleitete am (leider digitalen, wie neulich bei den Hitch-Home-Movies) Klavier vier Kurzfilme: Der Aufstieg (Walter Ruttmann/Lore Leudesdorff, DE 1926), einen dreiminütigen Werbefilm für eine Messe in Düsseldorf, Jerry the Troublesome Tyke: He Gets Fired (GB 1926), einen ebenfalls dreiminütigen Animationsfilm von Sid Griffiths, Kemurigusa monogatari (JP 1926), ein nochmal dreimünitiges Fragment eines japanischen Films, von dem ich wahnsinnig gerne mehr gesehen hätte, in dem Noburo Ofuji live- und Animationsbilder verquickt, und zuletzt noch The Magician (USA 1926), einen tollen neunminütigen Animationsfilm von Walter Lantz. Danach gab es eine kurze Pause zum Rollenwechsel, bevor es mit dem Hauptfilm weiter ging, dem magischen Die Abenteuer des Prinzen Achmed (DE 1926, Ruttmann gehörte hier auch wieder zur Crew), 66 Minuten lang und von Lotte Reiniger in drei Jahren erstellt. Ein Scherenschnittfilm mit Episoden aus "Tausendundeine Nacht", der von Valeria Sturba (Violine, Keyboards, Elektronik, Stimme, Theremin ...) grossartig begleitet wurde. Ein ganz grosses Highlight mit unglaublich schönen Bildern ... da musste ich auch mal kurz das Handy zücken und von ganz hinten einen Schnappschuss machen (ich hatte auch einen guten Blick auf den Projektor, den ich beim Rollenwechsel rasch knipste, die Rauchsäule und dahinter der wolkenverdeckte Mond - die Szenerie war fast so magisch wie das, was auf der Leinwand zu sehen war).
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00
Benutzeravatar
Grievous Angel
Beiträge: 209
Registriert: 12 Mär 2026, 01:46
Wohnort: Wuthering Heights
Has thanked: 22 times
Been thanked: 85 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von Grievous Angel »

Super, gypsy! Habe auch großen Respekt vor der körperlichen Leistung. Ich habe nur ein einziges mal bei der Viennale am selben Tag drei Filme geschaut und war beim letzten schon bedeutend weniger aufnahme- bzw. begeisterungsfähig. Freut mich auch sehr, dass dir "Prinz Achmed" so gut gefällt, ein verdienter Klassiker zum 100. Geburtstag.
gypsy tail wind hat geschrieben: 25 Jun 2026, 08:21 Auch gestern gab es wieder zwei Filme aus der Mitchell Leisen Retro, beide, besonders der erste, Highlights. Hat der Mann je einen schwachen bzw. nur mittelguten Film gemacht?

Ich habe von Leisen durchaus Filme gesehen, die mich nicht so überzeugt haben, was bei so einer langen und beeindruckenden Karriere ja gewisserweise dazu gehört. Aber jemandem, der so einen umwerfenden Film wie "Midnight" geschaffen hat, kann ich das in keiner Weise übelnehmen. Gilt ja auch für meinen gefeierten Raoul Walsh und seine - von ihm selbst so bezeichneten - turkeys. :)

Wünsche dir noch viel Vergnügen mit den weiteren Leisen-Werken. :clap:
keep on sailing.