Der letzte Film, den ich gesehen habe

Benutzeravatar
gypsy tail wind
DJ
Beiträge: 1215
Registriert: 15 Mär 2021, 00:06
Has thanked: 263 times
Been thanked: 175 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von gypsy tail wind »

Heute geht es für einmal erst spät los, daher ein paar Zeilen zu den ersten zwei Tagen beim Il Cinema Ritrovato, der etwas gehypten 40. ("XL") Ausgabe. Zuerst: obwohl im Vorverkauf fast alles ausgebucht scheint, ist es wohl nach wie vor fast immer auch "last minute" möglich, noch reinzukommen. Allerdings kriegt man dann keine Randplätze, wie ich sie - gerade in grossen Kinosälen - bevorzuge.



Amma Ariyan (Report to Mother) (IN 1986) von John Abraham war am Samstagmittag mein offizieller Festivalstart - und gleich das erste Meisterwerk, das mich völlig umgeworfen hat. Ein visuell unglaublich toller Film, 1986 in Schwarz-Weiss gedreht von einem Ghatak-Schüler, der in seinem vierten und letzten Film (Abraham starb 1987 mit 49 Jahren) nebst einer Art Road-Movie auch eine Geschichtsstunde zu seiner Heimat Kerala bietet. Ein paar Jahre zuvor hatte Abraham mit Freunden das Odessa Collective gegründet, eine Theater- und Filminitiative, das Auf- und Vorführungen für die Bevölkerung organisierte - alles im kommunistischen Geist des Bundesstaates und um Cochin herum organisiert. Der Film wurde folgerichtig mit Laien gedreht - von denen manche irgendwann einfach verschwinden, weil sie halt keine Zeit mehr hatten, um weiter an den Drehs teilzunehmen. Los geht es damit, dass ein junger Mann aus gutem Haus sich von seiner Mutter verabschiedet, um für sein Studium nach Delhi zu fahren. Im bergigen Hinterland (Wayanad) wird der Jeep, in dem er nach der ersten Busfahrt weiterreist, gestoppt: man braucht ihn, um einen Toten zu transportieren. Der junge Mann erkennt sein Gesicht, aber weiss nicht, wie er heisst ... es handelt sich um einen Naxalite (angehöriger einer maoistischen aufständischen Gruppe), einen der Polizei nicht bekannten Kommunisten, der sich an einem Baum aufgehängt hat (habe? das wird im Film nie hinterfragt, aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig?). Jedenfalls bricht der junge Mann seine Reise ab und sucht Freunde, die den Toten kennen sollten, um ihn zu identifizieren und seine Eltern zu informieren. So nimmt der Film seinen Weg, der über Kozhikode (Calicut) nach Kochi (Cochin) führt. Bald sind sechs, sieben Freunde des Toten dabei, die Gruppe wächst auf über ein Dutzend (aber zwischendurch sind's eben auch mal wieder nur sieben oder acht), zieht durch die Gegend, um weitere Freunde mitzunehmen und zwischendurch werden Episoden von Protesten, Polizeigewalt, Korruption, Brutalität der Arbeitgeberverbände und ihrer Lakaien bis hin zu Morden erzählt und so ist das zugleich Roadmovie, Sinnsuche und Geschichtsstunde. Der Tote war Tabla-Spieler und in Rückblenden erinnern sich all seine Freunde an ihn und seine Musik - es gibt auch ein Streiflicht auf die Untergrund-Musik-Szene, die westliche Musik spielt (ein Drum-Kit statt Tabla-Trommeln) ... und das alles ist in visuell betörende Bilder gepackt, wie der Trailer aufzeigt. Dass ich die Gegend (zumindest Kochi, vom Hinterland sah ich wenig, da ich über Nacht von Mysore nach Kochi fuhr) kannte, schadete natürlich nicht für das Flash ... die Uferpromenade in Kochi sah vor 20 Jahren abgesehen vom Müll und den vielen (indischen) Touristen abgesehen genau gleich aus, die St. Francis Church mit dem Grab Vasco da Gamas natürlich eh ...



Dann gab es schon drei Vorstellungen aus der Classic Hollywood-Reihe, die dieses Jahr Mitchell Leisen gewidmet ist. Den Auftakt in die Retro machte am Samstagnachmittag Easy Living (USA 1937), den ich 2011 bei einer Screwball-Reihe schon mal gesehen, aber nicht mehr viel Erinnerung daran hatte. Sehr unterhaltsam natürlich - aber mein Highlight gab's Samstagabend in der Spätvorstellung mit Darling, How Could You! (USA 1951), Leisens Schlusskapitel bei Paramount, bei dem auf den ersten Blick wenig auf ein Meistwerk hinweist: gedreht ihn den noch zur Verfügung stehenden Sets von "The Heiress" und mit einem eingekauften Drehbuch. Doch was der Cast (Joan Fontaine, John Lund, Mona Freeman usw.) unter der tollen Regie Leisens daraus macht, ist immens vergnüglich. Das Elternpaar kehrt zu Beginn aus Panama zurück, wo der Mann als Arzt bei den Kanalbauten dabei war - zuhause warten neben einem Baby eine sechzehjährige Tochter und ein jüngerer Sohn, die die Gouvernante aus Versehen in ein kitschiges Theaterstück voller französischer Wörter ("libertin", "roué") statt in "Peter Pan" geschickt hat. Die Sechzehnjährige (Freeman war beim Dreh 24 oder 25, aber man nimmt ihr das Teenagermädchen ab) hat dabei eine Art Erwachen, denkt sie, und glaubt, nun alles über die "seedy side" des Lebens - Sex, Affären - zu wissen, überträgt die Dreiecksgeschichte stracks auf die Eltern und ihren (gemeinsamen, aber das weiss sie nicht) Freund Steve. Nicht nur das führt zu einer endlosen Reihe von Gags - das Tempo ist hoch aber nicht rasant, das ganze vielleicht weniger bissig als bei Wilder. Wie Sturges, der das Drehbuch für "Easy Living" schrieb ein Kollege/Mitarbeiter/Konkurrent Leisens - und dieser wiederum versteckte trotz Heirat seine homosexuellen Neigungen nicht. Dass Fontaine sich glücklich den neuen Mutterfreunden hingeben will, überhaupt den ganzen Plot, darf man sicher auch als Satire auf das bürgerlicher Ideal der (Klein- oder Kern-)Familie lesen, und das trägt zum immensen Vergnügen auch bei.

Bei "Easy Living" ist natürlich der Song, der durch den Film läuft - aber nie mit Worten, glaub ich? - von Ralph Rainger/Leo Robin ein Hit geworden, u.a. dank Billie Holiday. Und der Film ist super, aber mit den besten des Genres kann er nicht ganz mithalten, finde ich.

Gestern gab es zwei Leisen-Vorstellungen - beide abseits der Screwball-Comedy. Am Morgen wurde sein letzter Film, die 26minütige Episode der TV-Reihe "The Twilight Zone", The Sixteen-Millimeter Shrine (USA 1959) als Vorfilm gezeigt. Zu üppiger Musik von Franz Waxman sitzt Ida Lupino als abgetakelter Star aus einer frühen Ära, Barbie Jane, in ihrer "mansion" im dunklen Salon und schaut ununterbrochen ihre 25 Jahre zurück liegenden Filme an. Eine Art Norma Desmond-Variante. Zur Autoreflexivität des tollen Filmes trägt noch bei, dass ein ehemaliger Co-Star, den ihr letzter verbliebener Freund zum Besuch im düsteren Schrein aufbietet, eine äusserliche Ähnlichkeit mit Leisen selbst aufweist (Jerome Cowan). Leisen lebte zwar noch einige Jahre (er starb 1972 im Alter von 74), aber Filme machte er keine mehr - was mit einer anscheinend nicht wirklich dokumentierten Affäre zu tun hat, in der ein oder zwei junge Männer eine Rolle spielten ... jedenfalls wendeten sich danach viele ehemalige Gefährten ab.

Danach gab es als Hauptfilm die Theateradaption Death Takes a Holiday (USA 1934), in der der Tod drei Tage Urlaub in Italien macht und auf wundersame Weise ganz viele schwere Unfälle (Brandkatastrophen, Pferderennen, Autorennen ...) nicht tödlich verlaufen. Alfredo Casellas Stück wurde später auch als "Meet Joe Black" erneut adaptiert. Der Tod - Frederic March, der drei Jahre davor mit "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" einen Riesenerfolg hatte - besucht als "Prinz Sirki" eine Gesellschaft von reichen Aristokraten und will dabei herausfinden, warum die Sterblichen solche Angst vor ihm haben - natürlich verliebt er sich am Ende in die junge hübsche Grazia (Evelyn Venable) und sie sich in ihn ... ein Film, der auch ein philosophische Pasticcio ist. Ehsan Khoshbakht im Programmkatalog: "It may be one of the first instances of a Hollywood film self-consciously boasting about the seriousness of its subject. Yet, Leisen, disarmingly, unrolls a mishmash of existentialism, controlled verbal comedy, and “deadly” double-talk – in the process outdoing The Seventh Seal’s humourless take on Death on the roam." - Sehr vergnüglich, aber der Vorfilm war wohl das grosse Highlight. Und an dieser Stelle muss natürlich endlich mal die in allen Filmen grossartige Ausstattung erwähnt werden. Das ist alte Schule, klar, aber hervorragend gemacht. Wenn Barbie Jane im "Shrine" mal sagt, sie wolle doch keine Schauspieler in Unterhemden sehen, sitzt der Hieb - zeigt aber auch die Verlorenheit der Position auf, die sich vermutlich auch auf Leisen übertragen lässt. Sein Kino fiel quasi aus der Zeit, wurde aber schon nach seinem Tod wieder entdeckt und neu geschätzt.

Cradle Song (USA 1933) war dann gestern am späten Nachmittag die zweite Leisen-Vorstellung, sein offizieller Erstling (davor war er Co-Regisseur bei zwei Filmen, die unter Stuart Walkers Namen liefen) - eine seltsame Geschichte über eine Waise, die in eine mutterlose Familie aufgenommen wird und mit ihrer Volljährigkeit ins Kloster eintritt. Die Geschichte spielt in Spanien - die lateinischen Phrasen der Nonnen sind aber mit genuin amerikanischem Akzent gesprochen. Bald wird im Kloster ein Neugeborenes abgegeben und die Novizin, die vier Geschwister grossgezogen hat, setzt sich durch: das Kloster behält die Kleine und die Novizin wird zu ihrer Hauptmutter. Dorothea Wieck (laut Wiki ist sie mit Clara Schumann née Wieck verwandt) spielt diese Novizin, die im Kloster zur Frau und Mutter wird und sich am Ende von ihrer Tochter trennen muss - immer mit deutschem Akzent, aber sehr bewegend. Ein schöner Film voller betörender Bilder - wie immer bei Leisen - aber von der Story her überhaupt nicht mein Fall. Dennoch scheu ein Tränchen verdrückt am Ende.

Ich muss hier mal Schluss machen, zu den anderen Filmen später - es gab noch "Sick Abed" und zwei erste aus der Reihe, die Daisuke Ito gewidmet ist, sowie ein Meisterwerk aus dem Iran, "Dayereh-Ye Mina" samt Vorfilm einer Regisseurin aus Ägypten.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #174 – 11.08.2026, 22:00
Benutzeravatar
salamandersalat
Beiträge: 321
Registriert: 07 Dez 2023, 17:38
Has thanked: 182 times
Been thanked: 79 times

Re: Der letzte Film, den ich gesehen habe

Beitrag von salamandersalat »

Zuletzt gesehen:



Guns at Batasi (Regie: John Guillermin - Großbritannien, 1964) 6/10
Go (Regie: Doug Liman - USA, 1999) 6,5/10
They Will Kill You (Regie: Kirill Sokolov - Südafrika/USA/Kanada, 2026) 7/10
Backrooms (Regie: Kane Parsons - USA, 2026) 8,5/10
Sátántangó (Regie: Béla Tarr - Ungarn/Deutschland/Schweiz, 1994) [Re-Watch] 10/10

Es ist WM, sogar Deutschlandspiel, und die nachoverschlingenden Nervensägen werden von Public Viewing-Screens und Flachbildfernsehern gebabysittet, perfekter Zeitpunkt, um mal wieder ins Kino zu gehen. Die Vollklimatisierung des Saals nimmt man gerne mit, ist ja plötzlich dieser Sommer ausgebrochen, den eine bestimmte Art von Mensch das ganze Jahr über dringendst herbeisehnt.
Wer hätte gedacht, dass mich mal ein Film in zahnbelagfarbener Tapeten-Optik zu Begeisterungsstürmen hinreißen kann, allein aufgrund seiner visuellen Wirkung und Machart. Backrooms verschiebt Gebrauchseinrichtung und Büromonotonie in die Sphären der unangenehm im Hinterkopf kratzenden Nervosität, dem überwältigenden Gefühl vegetativer Unruhe, und setzt dies in perspektivisch reizvoll eingefangene Bilder um, welche der zugrundeliegenden Web-Serie durch fast 3000 Quadratmeter reale Bauten eine Durchschlagskraft verschaffen, die vorher höchstens erahnbar gewesen sein muss. Die Found Footage-Teile des Films im Video-Look mühen sich Schritt zu halten, müssen sich letztendlich jedoch geschlagen geben.
Leider hat man Will Soodik fürs Drehbuch engagiert, der zuvor vor allem für TV-Serien wie Homeland, Borgia und Westworld schrieb. Aus dieser Praxis schleppt er Erklärungsansätze und Küchenpsychologie mit, glücklicherweise kollidieren diese nicht so heftig mit dem faszinierenden Ton des restlichen Films wie man es vermuten würde. Der große Schwachpunkt von Backrooms ist sein narrativer Aufhänger: Mir persönlich hätte es vollkommen ausgereicht, wenn eine nicht näher beschriebene Person in die Backrooms glitcht und dort 120 Minuten verbringt. Die für Spielfilmdramen üblichen Traumata und Hintergrundgeschichten können den Backrooms nichts von Belang hinzufügen - außer einer möglichen Erklärungsebene. Aus diesem Grund sähe ich auch eine Fortsetzung im Kino lieber als eine angedrohte Serie, die mir dann wieder alles bis ins kleinste Detail ausbuchstabiert. Fürs Erste bleibt Kane Parsons Kinodebüt aber eine erfreuliche Ausnahme im Spielfilmeinerlei, ein eigenwilliger Vibe-Film in eigenständigen Visuals - und einer außergewöhnlichen Farbpalette. Das Gelbe vom Ei.
Keramikvasen geh'n jetzt wieder viel leichter kaputt.