The Jef Gilson Nonet feat. Jean Louis Chautemps – New Call from France | Eigentlich müsste eher François Jeanneau das Co-Billing auf dem Cover kriegen, aber Chautemps wird hier in den Liner Notes (André Poulain, von Berendt konsequent mit Deppenapostroph übersetzt) als grosse Avantgarde-Entdeckung abgefeiert, als hätte er nicht schon zehn Jahre früher mit Chet Baker und was weiss ich wem sonst noch alles gespielt ... Gilson hat eine vierteilige Suite für San Remo geschrieben, das Festival, zu dessen 1966er-Ausgabe seine Band als einzige Jazzband eingeladen wurde. Im zweiten Teil des kurzen Albums gibt es vier weitere Stücke. Die Musik ist relativ brav, zwischen satten Bläser-Sätzen und einer guten Rhythmusgruppe mit einem funktionalen Piano vom Leader (Gilbert Rovère ist ein sicherer Wert, Drummer Gaetan Dupenher kenne ich nicht, er wirkt manchmal eher etwas schwerfällig), die Glanzpunkte setzen neben Jeanneau (ss/ts) und Chautemps (ts/as) der Trompeter Jean-Baptiste Mira, Bernard Lubat (vib), und auch die anderen Bläser - Claude Lenissois (bcl) und Pierre Caron (ts) - kriegen mal einen Spot. Chautemps hebt ein paar Male fast Ayler-mässig ab, was wohl der "new call" hier sein soll, und entsprechend gibt es so ein Solo auch im Stück "A Free Call" (mit Lubat an Bongos und vermutlich wenigstens jemandem mehr an Percussion, ohne Credit auf der Hülle) das an zweitletzter Stelle steht - doch kaum ist das Solo vorbei fällt die Band wieder in ihren Groove, den ich irgendwo zwischen Benny Golson und Quincy Jones verorten würde - um danach für ein nur von etwas Percussion begleitetes Bass-Solo nochmal auszubrechen. Ein sehr gutes Album, aber ein richtiges Free-Jazz-Album entstand im April 1966 in Villigen-Schwenningen natürlich noch nicht.
(Lustiges weiteres Detail zur seltsamen Gemischtwaren-Reihe aus Japan: ausgerechnet der OBI-Strip zu dieser CD, die sich vom Layout her und der Katalognummer sonst vollkommen in die MPS-Reihe von 2025 einfügen könnte, sieht anders aus - dafür sehen die OBi-Strips der BYG-Reissues aus der neuen Reihe exakt wie jene der älteren MPS-Reihe aus, einfach mit anderem Label-Logo drauf ... echt seltsam, aber ich freu mich bei zahlreichen dieser Alben darüber, sie endlich in ordentlichen Ausgaben kaufen zu können.)
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #175 – 08.09.2026, 22:00