Die besten Alben 1986

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wahr
DJ
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Re: Die besten Alben 1986

Beitrag von wahr »

1 It's Immaterial - Life Is Hard And Then You Die
Working Class Art-Pop aus Liverpool. Noch ironisch und spielerisch, bis es dann auf dem Nachfolger richtig ernst wurde.

2 High-Rise – II
Trio um Projektleiter und Bassist Asahito Nanjo. Ein durchkomponiertes Rock-Monster allerköstlichsten Lärms, mit Bassgrollen aus dem Kohlestollen, Sechzehntonnendrums, fast vollkommen verschüttetem Gesang und einem Gitarristen, der Riff, Hendrix und Freiheit entfesselt zusammendenkt.

3 Giant Sand – Ballad Of A Thin Line Man
Als ich Giant Sand kennenlernte, war Neil Young gerade in seiner schwierigen Geffen-Phase mit Synthie, Vocoder, Nashville-Schmalz und Rockabilly-Quatsch. Das war toll, aber der klassische Neil Young w/Crazy Horse-Anspruch wurde für mich aufs Allerschönste mit Ballad Of A Thin Line Man erfüllt.

4 XTC - Skylarking
Andy Partridge fühlte sich von Todd Rundgren solange drangsaliert und in seinem Ideenüberfluss beschnitten, bis Skylarking schließlich als bestes XTC-Album den Weg aus der samtenen Hölle zu uns fand. Glücklicherweise ohne das Covermotiv blütenumspielter Genitalportraits, wie es Partridge gerne gehabt hätte. Manchmal sind Verbote die bessere Wahl. Noch Jahre später ließ Partridge kein gutes Haar an Rundgren und bemängelte praktisch alles, was er beitrug, bis hin zu irgendwelchen Phasenverschiebungen im Stereobild, die Partridge auf der Wiederveröffentlichung von Skylarking auf seinen Ape-Label bereinigt sah und die kein Mensch heraushörte.

5 The Go-Betweens – Liberty Belle And The Black Diamond Express
Ich bleibe dabei: Die ersten vier Alben sind überlebensgroße Freundschafts- und Liebeswerke, mit all den Zwischentönen, Überheblichkeiten, Zuneigungen, Nachdenklichkeiten, Fehlentscheidungen und ihren Eingeständnissen.

6 Bad Brains – I Against I
Als wir Möchtegern-Intellektuellen uns erst noch an fiesere Metal-Arten gewöhnen mussten, da hatten die Bad Brains Quietsch-Soli schon zu großen Teilen in ihren unberechenbaren Hardcore eingebaut.

7 Exit Out – Peruse Prankster
Jürgen Gleue lässt hier seine schorcheligen Einlassungen im heavy Hochdeutschakzent von den zwei Kastrierten Philosophen Rüdiger Klose (Drums) und Jörg Worat (Orga- und Pianist) und dem selbstverlorenen E-Gitarristen Jürgen Gleue psychedelisieren. Selbst bei den längeren Stücken ist die Band so tight bei der Sache, fast könnte man meinen, es wären keine weiteren Drogen im Spiel gewesen.

8 Spacemen 3 – Sound Of Confusion
Alles sinkt in etwas ein bei den Spacemännern, die im Kern nur ganz knapp als Mehrzahl durchgehen. Die Stimme sinkt ihre Sehnsucht in fuzzigen Lärm. Ihr gegospeltes 'Amen!' sinkt ein in das lautmalerische "Hey Man". Als Velvet Underground sinken sie sonnenbebrillt ein ins Cover des ersten Albums der Electric Prunes. Die quasi-religiöse Drogen-Glorifizierung haben sie von Lou Reed übernommen, merklich sind auch Erfahrungen der heftigeren Art aus erster Hand eingepreist. Ein Jahr nach dem Abrasionsfuzz von Sound Of Confusion sinken sie dann in das dritte VU-Album ein und finden in den Rausch der Ruhe - den Lärm der Konfusion als ungespielte, aber zwingende Voraussetzung präsent haltend. Intellektueller kann ich's grad nicht ausdrücken.

9 Divine Horsemen – Devil's River
Chris D. und Julie Christensen docken hier an das an, was die Cramps, der Gun Club und Chris D.'s Vorgänger-Band Flesh Eaters aus den Gräbern der Vorfahren gezogen haben.

10 Saint Vitus – Born Too Late
Ich mochte Saint Vitus BEVOR ich Black Sabbath mochte! Und ich bin noch nicht mal born too late.

11 Hüsker Dü – Candy Apple Grey
12 Wipers – Land Of The Lost
Greg Sage ist der andere Gitarrist neben Bob Mould, der um die Mitte der 1980er herum der stilprägende Gitarrist mit einem eigenen Sound war. Und am anderen Ende der Welt war es der entfesselte Sound von Munehiro Narita von High Rise, nur habe ich ihn erst viele Jahrzehne später entdeckt (siehe Nummer 2).

13 Roky Erickson – Don't Slander Me
14 Roky Erickson – Gremlins Have Pictures
Gehören in diesem Zusammenhang vergesellschaftet. Slander ist homogener, Gremlins eine Ansammlung von Demos, Live- und Studioaufnahmen. Beide eher so um die Jahrzehntwende der 70er/80er entstanden und deshalb etwas außer Konkurrenz. Erickson berührt mich eigentlich IMMER, egal ob er solo auf Demotracks etwas verloren und ramponiert wirkt, oder im Gegenzug seine Schattenwelt mit beängstigend selbstbewusster Stimme einhegt. Und mich berührt auch, wenn er mit den Dämonen und Skeletten und Vampiren seinen Frieden schließt, sie sich um ihn versammeln, wie eine alte zärtliche Familie, die schon so manchen Streit miteinander ausgefochten hat.

15 Neil Young – Landing On Water
Hippie-Musik mit schepperndem Plastikklang. Wird ausschließlich von mir gemocht.

16 Annette Peacock – I Have No Feelings
Kein Tongue-in-cheek, alles was Annette Peacock singt und sprechsingt, meint sie ernst und genau so. Sie nennt ein Album Been In The Streets Too Long, weil sie zu lange auf der Straße gelebt hat. Sie nennt ein Album I Have No Feelings, weil sie keine Gefühle hat: "I have no feelings/ I feel no pain/ If it was raining/ Can't feel the rain/ .../ I give up loving/ And cut my hair/ .../ So you can use my body/ It's just a shell". Der Popmusik-Betrieb mit seinem spielerischen Umgang mit Bedeutungen ist ihr fremd. Kein Wunder, dass sie in den 1970ern eine Zusammenarbeit mit David Bowie ablehnte. I Have No Feelings beschreibt ein Verlassenwerden und die Folgen ("Freefall's easy/ It's the landing"), aber auch die Erkenntnis, dass Liebe und Verständnis alleine nicht genug sind, wenn eine Gesellschaft um's Geld herum gebaut ist. Ein bisschen Perkussion lässt sie von außen zu, ansonsten hat sie ihrem sparsamen Klavierspiel sporadisch Keyboard und Synthesizer hinzuprogrammiert.

17 Rolling Stones – Dirty Work
Abscheulich gutes, friktionsreichstes Album der Stones-Geschichte

18 The Deep Freeze Mice - Rain is When the Earth is Television
Der Titel passt schon lange nicht mehr, denn eine miese Fernseh-Qualität, die wie Regen aussieht, ist längst wegdigitalisiert worden. Dafür musste es aber in SF-Filmen um 2000 herum immer regnen, damit die Erde aufgrund der noch unausgegorenen Special Effects wie Fernehen 1986 aussehen konnte. Rain is when Emmerich is making Godzilla. Die Deep Freeze Mice jedenfalls führen hier ihre 60er-orientierten orgelbelasteten Späße weiter, die deswegen so gut zu ertragen sind, weil sie erstens wirklich lustig sind, und zweitens weil die Musik auf so hohem Niveau spielt, dass sie sich auch alleine trägt. Unter 34 Pseudonymen ist der lockere Deep-Freeze-Mice-Verbund immer noch mit gefühlt monatlichen Neuveröffentlichungen auf Cordelia-Records aktiv. Meist steckt Alan Jenkins dahinter.

19 Pussy Galore - Exile On Main Street
Nein, diese Version ist nicht die Hauptstraße, sie ist noch nicht mal die Nebenstraße der Nebenstraße der Hauptstraße, sie hat noch nicht mal einen Rinnstein oder einen festen Straßenbelag. Was auf die Straße gespeit wird, sickert sofort ein.
Hat ein Genre begründet, das erst viele Jahre später fortgesetzt wurde: Das Covern ganzer Alben. Und nein, ich habe nicht das Tape, sondern wie jeder normale Mensch nur einen Download.

20 The Stranglers – Dreamtime
Müsste das letzte Album mit Hugh Cornwell gewesen sein, bin grad zu faul zum Nachschauen. Albumnachfolger von Aural Sculpture, das ich damals für mehrere Stunden für das beste Pop-Album aller Zeiten gehalten habe. Daher war Dreamtime als Nachfolger ein Pflichtkauf. Ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder im Verkaufen-Regal gelandet, aber hat sich hartnäckig geweigert, die Wohnung zu verlassen. Sphärischer und noch schmerbäuchiger als Aural Sculpture, hörte ich ein Ausdehnen weniger Ideen als beim Vorgänger, was mir aber hier und heute, wo ich keinen großen Wert mehr auf Ideendichte in der Musik lege vielleicht sogar besser gefallen könnte. Solange ich es nicht überprüfe, bleibt es auf der 20.

Außer Konkurrenz:

The Count, Joseph A. Viglione – New Changes
Eine Art Alex Chilton ohne Alex Chilton. Musste zwingend auf New Rose erscheinen. Hat mich damals durch eine schwere Phase begleitet und aufgebaut. Dafür war ich dankbar. Danach war das Album für mich wie ausgewrungen und wurde nie wieder gehört.

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