01 Brown Sugar *** Fröhlicher Uptempo Rocker zum Thema Vergewaltigung und Versklavung schwarzer Frauen. Man kann den Rolling Stones bzw. Mick Jagger keinen bewussten, ideologischen Rassismus unterstellen. Der Text ist jedoch (strukturell) rassistisch, da er rassistische (und sexistische) Stereotype bedient. Textzeilen über Sklavenschiffe, die Ausbeutung schwarzer Frauen werden mit einer Leichtigkeit vorgetragen, die eine kritische Distanz vermissen lassen. Auch musikalisches wird da nix gebrochen. Das alles hat Jagger ja dann auch selber gemerkt. Die Entscheidung, den Song nicht mehr zu spielen, beruht auf der richtigen Erkenntnis, dass die musikalische Beliebtheit den Fehlgriff des Textes im 21. Jahrhundert nicht mehr aufwiegt. Wer möchte bei so einem Text mitsingen, tanzen, Party machen und ausgelassen sein? Was wäre eigentlich, wenn die Stones das Lied mit einem anderen Text spielen würden?
02 Sway *** Ein schleppender, bluesiger Rock-Track. Mick Taylor dominiert diesen Song. Sein Gitarrensolo am Ende, unterlegt mit diesen dramatischen Streichern, das ist schon ein besonderer Moment. PS: Keine Gitarre von KR in diesem Song.
03. Wild Horses ***** Verschleppt Balladesker Kracher. Keith Richards verwendet das berühmte Nashville High-String Tuning, was der akustischen Gitarre einen klirrenden, fast 12-saitigen Glanz verleiht. Und dann gibt es noch dieses seltsame Piano. Das Stück hat eine magische Intensität, die mich fasziniert. “Everyone always says this was written about Marianne but I don’t think it was; that was all well over by then. But I was definitely very inside this piece emotionally.” (Mick Jagger) Ja, das merkt man und das gibt diesem Song wohl die magische Intensität. Oder sind es die Experimente Von KR mir der 12-string? Ganz sicher! Das ganze Album ist voll von diesen Momenten: Lass uns etwas typisches machen, aber auf etwas untypische Art und Weise.
04. Can’t You Hear Me Knocking *** 1/2 Der erste Teil ist ein typischer Keith-Richards-Riff-Rocker. Der zweite Teil ist ein improvisierter Jam, mit Congas, Saxophon und Mick Taylors flüssiges, technisch anspruchsvolles Solo. Könnte man als reines Angeber-Muckertum hören.

Ich mag's. Spiele gut und lass es hören!
05. You Gotta Move *** Gut gecovert. Ein minimalistischer Delta-Blues mit einer meisterhaften Slide-Gitarre von Mick Taylor.
06. Bitch **** Ein straffer, tanzbarer, souliger Rock-Song. Das Riff und die Bläser agieren hier als rhythmische Einheit, was einen extrem „fetten“ und druckvollen Sound erzeugt, der fetzt. Einer meiner Favoriten.
07 I Got The Blues *** Eine Soul-Ballade im 6/8-Takt, erinnert tatsächlich an Otis Redding. Wieder tolle Bläser und eine gospelige Hammond Orgel. Vielleicht doch sogar ne 4, abe reben nicht ganz so gut wie Bitch. An anderer Stelle im Album hätte er es bei mir leichter gehabt. Was das Album-Sequenzing doch so ausmachen kann...
08 Sister Morphine ***** Eine düstere, akustisch beginnende Ballade, die sich in eine klaustrophobische Intensität steigert. Die Slide-Gitarre stammt hier nicht von Mick Taylor, sondern von Ry Cooder. Sein nervöses, metallisches Spiel unterstreicht die drogeninduzierte Paranoia des Textes perfekt. Wie bei Wild Horses gelingt es den Stones auch hier eine unheimliche Intensität zu erzeugen.
09. Dead Flowers *** Ein lupenreiner Country-Song. Tolles Zusammenspiel von Richards und Taylor.
10. Moonlight Mile ***** Ein epischer, psychedelischer Abschluss. Der Song basiert auf einem indisch (oder beatelesk?) anmutenden Gitarrenmotiv, es gibt kein Riff im eigentlichen Sinne, dafür ein treibendes Piano und bis zum Höhepunkt des Songs immer opulenter werdende Streicher, dann klingt es psychedelisch-langsam aus. Es ist musikalisch einer der atmosphärischsten Songs der Stones. Und einer der untypischsten.
Ranking:
01 Sister Morphine
02 Wild Horses
03 Monnlight Mile
04 Bitch
05 Sway
06 Can’t You Hear Me Knocking
07 I got the Blues
08 Dead Flower
09 You Gotta Move
10 Brown Sugar
Insgesamt ein vor allem handwerklich ausgezeichnetes Album - was wohl daran liegt - Danke an
@wahr denn diesen Aspekt hatte ich noch nie in Erwägung gezogen: dass dies das erste Album der eigenen Plattenfirma der Stones war. Alles was man von den Stones möchte, wird auf diesem Album angeboten. Kritisch könnte man auch sagen: Ganz schöner Gemischtwarenladen, kein konzises Album. Sehe ich aber nicht so, dies Argument hat noch nie überzeugt. Abwechselungsreichtum macht ein Album nicht automatisch schlecht. Auch klanglich ist das Album recht unterschiedlich, mnaches ist fast schon zu clean produziert, andere eher zu dreckig - das sind die Songs, die in meinem Ranking oben stehen.
Herausheben möchte ich Mick Taylor, der auf diesem Album seine Gitarrenvirtuosität ausstellt, und Charlie Watts, der mit dem seinem - ichsachma - Rolling-Stones-Groove auch typischen Genrestücken noch das gewisse Etwas mitgibt, neben den anderen musikalischen Einfällen, die zwar nicht plakativ auffallen, das Album aber interessanter machen. Ein Album, bei dem die Summe deutlich mehr ist als die einzelnen Teile (Songs), denn als ALbumwertung gebe ich 5 Sterne, obwohl es im mathematischen Schnitt eher nur für 4 reichte.
Jetzt bin ich gespannt auf die RS-Weekly-Folge.
Wer wissen möchte, warum Sticky Fingers ein schlechtes Album ist, den möchte ich an die Rezension von Jon Landau vom April 1971 im US-RS erinnern.
