Ich war in den letzen Wochen oft im Kino. Hier die letzten 6 Filme, in der Reihenfolge, in der ich sie gesehen habe, im Schnelldurchlauf:
Nulpen (Sorina Gajewski, Deutschland, 2025)
Zwei ebenso desillusionierte wie freche Teenie-Mädchen („Die Welt ist im Arsch!“) treiben nach bestandenen Abitur auf der Suche nach einem entflogenem Kanarienvogel an einem Sommertag durch die Stadt. Dabei treffen sie auf verschiedenste Menschen, die sie mit ihrer oft ganz anderen Sicht der Dinge konfrontieren. Manchmal wirkt das etwas konstruiert. Das verzeihe ich aber gern, denn der Film lebt vor allem von seinen großartigen Hauptdarstellerinnen, den lebendigen, oft wie improvisiert wirkenden Dialogen und dem aufgewecktem kleinen Bruder einer der beiden Gören, der die beiden immer wieder herausfordert und antreibt. Ich vergebe schluffige **** ½
Obsession – Du sollst mich lieben (Curry Baker, USA, 2025)
Gehypter low budget Horrofilm. Horror steht eigentlich nicht auf meinem Speiseplan, aber die Neugier trieb mich ins Kino. Gehemmter Twen erreicht durch Zauberkraft, dass die von ihm heimlich Angebetete ihn „mehr liebt als alles andere auf der Welt“. Das Ergebnis ist ein obsessives, eifersüchtiges und besitzergreifendes Verhalten eben dieser Frau, so dass der Twen seine Entscheidung bereut und versucht, sie rückgängig zu machen. Der Film hat zwar einige unlogische Momente, ist aber durchgehend beklemmend, eskaliert beängstigend und hat ein paar brutale Schockmomente, die nur schwer zu ertragen sind. Einmal zuckte das gesamte Publikum sichtbar zusammen und ich schrie sogar einmal vor Schreck. Aber es gibt auch komische Momente. Nicht alle Kinobesucher standen diesen blutigen Horrorschocker bis zum Ende durch. Ich vergebe blutige ****.
The Piano Tuner (Daniel Roher, USA, 2025)
Junger, akustisch hypersensibler Klavierstimmer entdeckt sein Fähigkeit, Tresore mit mechanischen Schlössern zu öffnen. Zunächst ist das finanziell vorteilhaft – so kann er die Krankenhauskosten seines alten väterlichen Mentors bezahlen. Aber dann kommt es zum Konflikt mit seinen weniger altruistisch eingestellten Tresorknackerkomplizen und die Verhältnisse kippen. Und natürlich ist auch eine Frau mit im Spiel.
Da mischen sich Familiengeschichte, Liebesgeschichte und Thriller und nicht ganz nebenbei geht es auch um altmodisches Handwerk (Klaviere, Tresorschlösser, alte Uhren) und den Wert von menschlichen Beziehungen, Erinnerungen und um ethnische Identität. Im Zentrum steht am Ende eine alte Armbanduhr, die für die einen nur monetären Wert hat, für andere aber einen ganz anderen ideellen Wert.
Der Film changiert sehr schön zwischen den verschiedenen Genres. Wegen mir hätte man die Ebene mit dem Wert altmodischer Gegenstände und was sie an Bedeutung aufsaugen noch mehr betonen können. Aber das ist Klagen auf hohem Niveau. Im Soundtrack etwas alter Klavierjazz. Kurzer Auftritt von Herbie Hancock. Handfeste **** ½.
Odyssee (Christopher Nolan, USA, 2026)
Mischung aus Sandalenfilm, Fantasy und Psychogramm des tragischen Helden Odysseus. Visuell beeindruckend, erschlägt aber zum Glück eigentlich nicht mit monumentalen Settings und spektakulären Tricks. Manchmal wirken die Abenteuer des Odysseus wie aneinandergereiht und sie treiben den Film nicht wirklich voran. Interessant wird es, wenn der Film örtlich und zeitlich hin- und herspringt, der durch Krieg und Gewalt offenbar traumatisierte Odysseus erkennbar wird und seine Versuche, wieder nach Hause zu kommen, als die Versuche erscheinen, wieder in ein normales, friedliches Leben zurückzukehren. Ich hätte mir gewünscht, dass dieses psychologische Thema noch etwas deutlicher herausgearbeitet worden wäre. Am Ende wird der bestehende Konflikt doch wieder durch Gewalt gelöst und die Suche nach Erlösung geht von vorne los. Ich vergebe etwas knappe antike ****.
Exit 8 (Genki Kawamura, Japan, 2025)
Ein Film der weit überwiegend in einer U-Bahn-Unterführung spielt, in der ein junger Mann wie in einer ewig wiederkehrenden Schlaufe gefangen ist und verzweifelt nach einem Ausgang sucht. Den wenigen Menschen, die er dort trifft, scheint es genauso zu gehen. Das Szenario beruht auf einem Computerspiel, wird aber ergänzt durch eine Art Rahmenhandlung, die den Mann überhaupt erst in diese Situation geraten lässt: Seine Ex ruft ihn in der U-Bahn an und erzählt ihm, dass sie von ihm schwanger sei und nicht weiß, was sie jetzt tun soll. Er weiß es natürlich auch nicht und damit beginnt der Kreislauf.
Verworren, beklemmend, absurd, manchmal auch abgründig komisch. Sehr beeindruckend, wie Genki Kawamura es schafft, mit reduzierten Mitteln einen fesselnden Film mit ganz eigener visuellen Ästhetik zu machen. Ge-loopte **** 1/2
Für immer 16 (Brezel Göring, Deutschland, 2026)
Der Film beruht auf einem unvollendeten Roman der Lebensgefährtin von Brezel Göring, Francoise Cactus, mit der er bis zu ihrem Tod 2021 die Band Stereo Total hatte. Drei Freunde/Freundinnen fahren nach langer Zeit gemeinsam nach Teneriffa (oder so ...), hängen da aber nur am zugemüllten Strand rum und streiten sich ständig. Eine der Figuren ist an die reale Francoise Cactus angelehnt. Irgendwann beschließen sie, einen Krimi zu drehen, auf Video, ohne Geld, ohne Drehbuch, ohne Team, aber mit jeder Menge Phantasie und Energie, mit grotesker Handlung, haarsträubenden Dialogen, billigen Tricks und albernen Kostümen und Musik von Stereo Total. Ein Film im Film also, gedreht auf Super 8, komplett nachsynchronisiert, wobei Bild und Ton konsequent knapp aneinander vorbeilaufen. Genialer Dilletantismus (sic!) in Perfektion.
Dass ist charmant und witzig und das Publikum hatte bei der Premiere im Kreuzberger Freiluftkino seinen Spaß. Ein Heimspiel sozusagen. Brezel Göring (bürgerlich: Hartmut Ziegler, Jahrgang 1967) sitzt vor der Aufführung beim Interview mit Baseballkappe, Trainingsjacke und schrill bunten Shorts auf der Bühne und erzählt lebhaft und anrührend von Francoise Cactus und der Entstehung des Films. Das ist Hommage an die Verstorbene, Nostalgie, wohl auch etwas Trauerarbeit.
Bei mir blieb ein kleiner Wermutstropfen: Ich kaufte 1986 das erste Album von Francoise Cactus’ Band Lolitas und sah die Band auch live. Francoise Cactus erlebte ich später noch gelegentlich mal. Das war immer lustig und ist lange her. Irgendwie beschwört der Film die alten Zeiten herauf und den Wunsch „für immer 16“ zu bleiben, so wie der Berufsjugendliche Brezel Göring. Ist das gut? Ist das schlecht? Ich dachte: „Für immer Punk?“ „It’s only Punk but I like it?“ und gleichzeitig „Time waits for no-one and it won’t wait for me - and you.“ Ich vergebe pubertär-verwirrte ****.