Ich höre gerade ... Jazz

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gypsy tail wind
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »

Ich mag Graillier grundsätzlich auch - aber das ist echt keine Sternstunde. Und stimmt schon, die Aufnahme klingt auch produktionstechnisch unfertig. Insgesamt wirkt das Album auf mich, als hätten die mal eben eine erste Probe mitgeschnitten. Ich mag aber diese "Findungsphase" im Werk von Lacy gerne, da passiert immer irgendwas Interessantes.

Gerade verklingt ein überaus erfreulicher Neuzugang zur (ECM-)Sammlung:



Yonathan Avishai - Joys and Solitudes | Den Pianisten kannte ich bisher nur als Sideman von zwei inzwischen auch schon fast zehn Jahre alten Alben des Trompeters Avishai Cohen. Hier tut er sich mitt Yoni Zelnik (b) und Donald Kontomanou (d) zusammen und spielt nach dem Opener "Mood Indigo" nur eigenes Material - und dieses gefällt mir sehr gut. Die Sidemen spielten natürlich schon zusammen (z.B. auf "At Work" von Géraldine Laurent) und das alles wirkt sehr aus einem Guss und auch vom Material her gehen dem Trio die Ideen nie aus.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)

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gypsy tail wind
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »



The Jef Gilson Nonet feat. Jean Louis Chautemps – New Call from France | Eigentlich müsste eher François Jeanneau das Co-Billing auf dem Cover kriegen, aber Chautemps wird hier in den Liner Notes (André Poulain, von Berendt konsequent mit Deppenapostroph übersetzt) als grosse Avantgarde-Entdeckung abgefeiert, als hätte er nicht schon zehn Jahre früher mit Chet Baker und was weiss ich wem sonst noch alles gespielt ... Gilson hat eine vierteilige Suite für San Remo geschrieben, das Festival, zu dessen 1966er-Ausgabe seine Band als einzige Jazzband eingeladen wurde. Im zweiten Teil des kurzen Albums gibt es vier weitere Stücke. Die Musik ist relativ brav, zwischen satten Bläser-Sätzen und einer guten Rhythmusgruppe mit einem funktionalen Piano vom Leader (Gilbert Rovère ist ein sicherer Wert, Drummer Gaetan Dupenher kenne ich nicht, er wirkt manchmal eher etwas schwerfällig), die Glanzpunkte setzen neben Jeanneau (ss/ts) und Chautemps (ts/as) der Trompeter Jean-Baptiste Mira, Bernard Lubat (vib), und auch die anderen Bläser - Claude Lenissois (bcl) und Pierre Caron (ts) - kriegen mal einen Spot. Chautemps hebt ein paar Male fast Ayler-mässig ab, was wohl der "new call" hier sein soll, und entsprechend gibt es so ein Solo auch im Stück "A Free Call" (mit Lubat an Bongos und vermutlich wenigstens jemandem mehr an Percussion, ohne Credit auf der Hülle) das an zweitletzter Stelle steht - doch kaum ist das Solo vorbei fällt die Band wieder in ihren Groove, den ich irgendwo zwischen Benny Golson und Quincy Jones verorten würde - um danach für ein nur von etwas Percussion begleitetes Bass-Solo nochmal auszubrechen. Ein sehr gutes Album, aber ein richtiges Free-Jazz-Album entstand im April 1966 in Villigen-Schwenningen natürlich noch nicht.

(Lustiges weiteres Detail zur seltsamen Gemischtwaren-Reihe aus Japan: ausgerechnet der OBI-Strip zu dieser CD, die sich vom Layout her und der Katalognummer sonst vollkommen in die MPS-Reihe von 2025 einfügen könnte, sieht anders aus - dafür sehen die OBi-Strips der BYG-Reissues aus der neuen Reihe exakt wie jene der älteren MPS-Reihe aus, einfach mit anderem Label-Logo drauf ... echt seltsam, aber ich freu mich bei zahlreichen dieser Alben darüber, sie endlich in ordentlichen Ausgaben kaufen zu können.)
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soulpope
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Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von soulpope »

gypsy tail wind hat geschrieben: 16 Aug 2026, 08:51

The Jef Gilson Nonet feat. Jean Louis Chautemps – New Call from France .... Gilbert Rovère ist ein sicherer Wert .... "A Free Call" (mit Lubat an Bongos und vermutlich wenigstens jemandem mehr an Percussion, ohne Credit auf der Hülle) das an zweitletzter Stelle steht - doch kaum ist das Solo vorbei fällt die Band wieder in ihren Groove, den ich irgendwo zwischen Benny Golson und Quincy Jones verorten würde - um danach für ein nur von etwas Percussion begleitetes Bass-Solo nochmal auszubrechen ....
Gilbert Rovère war zweifelsfrei ein europäischer Weltklassebassist (btw wie auch Kollege Jacky Samson), um welchen halt nicht so eine eine Aufmerksamkeit wie bei Peter Trunk (nicht zu Unrecht) gezimmert wurde ....
Zuletzt geändert von soulpope am 16 Aug 2026, 09:35, insgesamt 1-mal geändert.
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gypsy tail wind
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »



Joachim Kühn & Rolf Kühn – Bloody Rockers | Letzte Runde aus der erwähnten Reihe, noch ohne Discogs-Eintrag, wo das aktuelle das erst zweite Reissue (LP in Spanien 2012, vermutlich nicht koscher? und jetzt CD in Japan) ist ... nochmal BYG, 1969 (im Februar in Hamburg aufgenommen) - und irgendwo zwischen Free und leichtgewichtigem Jazz-Rock. Ähnlich wie bei Gilson brechen die Bläser mal in kreischendes Spiel aus (Joachim am Altsax, er spiel neben Piano auch Orgel und Shenai), es gibt eine freie Bass-Solo-Passage, und dann kehrt der Jazz-Rock-Groove oder das hymnische Thema mit der fiepsigen Gitarre (Volker Kriegel) zurück, anderswo gibt es gesprochene Texte und ein Ritornell - die Canterbury-Szene grüsst. Und in "El Dorado" taucht auch noch der kleine Morricone-Triller aus "Spiel mir das Lied vom Tod" auf. Rolf Kühn spielt eine elektrische Klarinette - nicht die beste Idee, weil man den Ton mehr erahnt als hört, er hätte gleich eine Melodica nehmen können - aber gut, der Zeitgeist. Und am Ende macht das eben doch ziemlich viel Spass und kommt recht gut zu einem Ganzen zusammen. Günter Lenz spielt die Bassgitarre und Stu Martin die Drums - beide zwischen simplen Rock-Riffs und -Patterns und manchmal etwas interessanteren Ansätzen, zu denen auch Joachim Kühn hie und da findet.
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »



Association Pierre Courbois – Earwax | Hier gibt's ein gefestigtes Konzept und eine wesentlich weniger fiepsige Gitarre (Toto Blanke). Schon vor Aufnahme dieses Debutalbums seiner niederländisch-deutschen Band von 1970 hatte Drummer Pierre Courbois offensichtlich einen klaren Plan, was er machen will. Jasper Van't Hof beschränkt sich auf ein E-Piano, Siggi Busch wechselt auf der ersten Plattenseite zwischen Kontrabass und Bassgitarre, während Peter Krijnen auf der zweiten nur Bassgitarre spielt. Vielleicht wirkt das auf mich gerade weil es kompakter und klarer aufgestellt ist zugleich viel freier - die vier bzw. fünf suchen nicht nach ständig neuen Kombinationen von Instrumenten sondern erforschen mit grosser Freiheit das, wofür sie sich entschieden haben. Das CD-Reissue ist schon von 2021 (auch aus einer recht bunten, aber nierdländisch-fokussierten Reihe), aber ich habe es erst gerade nachgeholt. Bisher kannte ich von der Gruppe bloss das spätere Album mit Jeremy Steig (da war dann Joachim Kühn am E-Piano dabei).
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von gypsy tail wind »



Ernie Wilkins and the Almost Big Band | Die beiden Steepelchase-Alben dieser exzellenten Big Band habe ich schon eine Ewigkeit, das 2015er-Reissue des Debuts kam erst kürzlich dazu - wusste nicht mal, dass man das immer noch kriegen kann. Wilkins hat natürlich alles arrangiert und das ist schon die halbe Miete - "Hi Fly" von Randy Weston zum Einstieg, "Sugar" von Stanley Turrentine, "Is That So" von Duke Pearson, ein paar eigene Stücke, "Lollipops and Roses", wie es scheint der grosse Hit des US-Italieners Tony Velona (ein Pop-Song von 1962, eingespielt von Ahmad Jamal mit Streichern oder von Herb Alperts Tijuana Brass, gesungen von Perry Como, Doris Day und allerlei weniger bekannten Leuten) und als Closer sein Stück des kroatischen Jazzgitarristen Damir Dičić, "Sebastian". Die andere Hälfte der Miete sind die exzellenten Leute in der Band. Tim Hagans glänzt diverse Male an der Trompete (dass der 1980 schon 26 war und mit den Bands von Kenton und Herman gespeilt hatte, hatte ich nicht auf dem Schirm), Sahib Shihab kriegt ein paar Flöten-Spots (er spielt auch Sopran und Alt und ist der Section-Leader), die grossen Stars sind sonst aber vor allem die Tenorsaxophonisten Bent Jaedig, Jesper Thilo und der Leader selbst (in "Ballad for Paul" sind sie gleich alle drei zu hören - vielleicht schade, dass Wilkins die beiden kantigen Dänen keine "battle" spielen lässt?) sowie die Rhythmusgruppe mit Kenny Drew (das Pearson-Stück ist sein Feature), Mads Vinding und Ed Thigpen. Richard Boone, 1966-69 mit Basie, ist stark in "Sugar", im folgenden "No More Rat Race" kriegt sein Kollege Erling Kroner seinen Spot, Shibah seinen einen am Sax (Alt) und ebenso Barisaxer Per Goldschmidt, der im Closer nochmal zu hören ist. Leer gehen lediglich die anderen beiden Trompeter aus, Palle Bolvig und Vagn Elsberg - aber das ist wohl angesichts der Güte von Hagans' Beiträgen durchaus gerechtfertigt. Ein ziemlich tolles Album, das sich stilistisch irgendwo zwischen den Basie-Fortschreibungen von Jones/Lewis sowie der grossen europäischen Big Band der Jahre davor, Clarke/Boland, bewegt.
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Mr. Blue
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von Mr. Blue »

Miles Davis - Kind Of Blue

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Absoluter Klassiker und für mich das beste Jazzalbum aller Zeiten! :dance:
Blue Blue Blue Over You
soulpope
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Beitrag von soulpope »

gypsy tail wind hat geschrieben: 16 Aug 2026, 10:50

Ernie Wilkins and the Almost Big Band | Die beiden Steepelchase-Alben dieser exzellenten Big Band habe ich schon eine Ewigkeit ....
Mein Highlight die mit Bonus Tracks deutlich erweiterte CD Version von "On The Roll" ....
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von redbeansandrice »

Danke für all die schönen posts, gypsy! Kenne nur das Lacy Album mit Graillier und teile da die Skepsis...
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vorgarten
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Re: Ich höre gerade ... Jazz

Beitrag von vorgarten »

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david murray, flowers around cleveland (1995)

nachdem sich mein besitzerstolz etwas gelegt hat, bin ich nicht mehr ganz so überzeugt von diesem murray-quartett, vor allem in direktem abgleich mit anderen. mit den aufnahmen mit hicks/hopkins/muhammad aus der zeit gibt es material-überschneidungen. irgendetwas stockt hier, ich weiß aber noch nicht so genau, ob ich z.b john betsch einfach zu behäbig finde oder murray zu forciert. es braucht noch ein paar durchgänge.