
eine kleine recherche zum komponisten curtis reginald lewis (1918-1969), dessen songs "gone again", "today I sing the blues", "the great city", "all soul" und "all night long" jazzstandards aus der dritten reihe sind, den jazzhörer*innen außerdem kennen werden, weil er mit billie holiday "now or never" und mit thad jones "the old country" geschrieben hat. ich kenne ihn vor allem durch shirley horn, die mit lewis' song "all night long" sowohl ihr comeback (1981 unter dem gleichen titel) als auch ihr karriereende (letzter song auf YOU'RE MY THRILL) einleitete und zwischendrin, 1984, ein album nur aus lewis-kompositionen aufnahm: THE GARDEN OF THE BLUES.
curtis reginald lewis, 1918 im texanischen fort worth geboren, gehörte zu den wenigen schwarzen komponisten (und textern) mit eigener verlagsfirma. was man über ihn und seine kurze karriere weiß (er starb 1969 mit 51 jahren in new york), verdankt man vor allem einem interview von richard harrington mit lewis' frau audrey buchanan für die washington post, das anlässlich shirley horns erstem konzert mit der garden-of-the-blues-suite geführt wurde. wenn man seine diskografie mit einbezieht, ergibt sich folgender abriss:
lewis' familie (oder er allein?) ging mit der great migration nach chicago, wo er schon früh songs an musikverleger schickte und schließlich musik studierte. von 1942 bis 1945 war er in der army und konnte offenbar in florenz weitere musikkurse belegen. nach seiner rückkehr spielte er ein paar singles für apollo mit einem trio ein - die meisten songs waren von ihm, er sang auch: hier die erstaufnahme (1947) von "[he's / she's] gone again" auf archive.org:
da fällt natürlich die nähe zu nat king cole auf. laut audrey buchanan verkauften sich die platten gar nicht schlecht. interessanterweise beschloss lewis aber, zu dieser zeit in new york selbst verleger seiner songs zu werden und beschränkte sich aufs komponieren und texten. "At the time, there were almost no black composers or businessmen who dared open up on Broadway because it was a very close-knit society. They composers could peddle their tunes and the other publishers would take them, but Curtis was the only one who was steadfast in wanting to develop a business, which he did do." (buchanan in dem interview).
einer seiner ersten abnehmer war lionel hampton, der "sky blue" und vor allem "gone again" in sein repertoire integrierte und mehrfach aufnahm, zuerst 1947 in einer augustsession, die dafür bekannt ist, dass der bass vom jungen charles mingus gespielt wurde. die vokalistin ist wini brown.
"gone again", ein klassischer torch song, hat eine schönen weg durch die jazzgeschichte gemacht, sowohl in gesungener wie in instrumentaler form. bekannt sind die versionen von roy haynes aus stockholm (1954), sarah vaughan (1947), red garland auf GROOVY (1958), teddy charles (1959), rhoda scott (1963), dinah washington (1964), arthur prysock mit dem basie-orchester (1966), nach der wiederentdeckung durch shirley horn (1984) gab es das noch von barry harris solo (1991) und houston person (2014).
ebenfalls 1947 erfolgte die erstaufnahme von "today I sing the blues" durch helen humes im orchester von buck clayton. danach schlief der song bis er druch soulsänger*innen bzw. ihre produzent*innen wiederentdeckt wurde - zunächst von sam cooke (1958 auf ENCORE), dann - und damit machte sie ihn sich zu eigen - von aretha franklin (1960, und nochmal 1969). viel mehr passierte damit nicht (auch nicht durch shirley horn, die ihn ignorierte), es gibt allerdings noch eine schöne version von randy crawford und joe sample (2008).
1949 kam es dann zur zusammenarbeit mit billie holiday, "now or never", das später in einigen holliday-tribut-albem neu aufgenommen wurde (z.b. von nnenna freelon (2005).
in den 1950ern passierte nicht viel - offenbar schrieb lewis maßgeschneidert für einige popstars, u.a. für bill haley ("teenager's mother", 1956), john leslie bzw. petula clark ("fortune teller"), peggy lee ("you oughta be mine"), den "cadillac song" für hot lips page und einen späten moderaten hit für billy lee riley:
der karrierehöhepunkt setzte für curtis lewis im jahr 1960 ein. zwar verstand niemand, dass seine songs den inneren zusammenhang einer suite bildeten (erzählung: eine junge frau kommt in die großstadt ["blue city"] und verschwindet dort nach anfänglicher euphorie ["the great city"] und missglückten liebesgeschichten ["what would a woman do"] in einsamkeit ["he never mentioned love"]), aber shirley horns manager john levy brachte die songs zu horns erster aufnahmesession mit und zwei davon ("blue city" und "he never mentioned love") landeten auf dem debütalbum EMBERS AND ASHES. lewis tauchte bei der session auf, stellte sich vor und brachte noch den neuen song "all night long" mit, den horn aber erstmal ignorierte. aretha franklin nahm ihn sofort und brachte ihn zusammen mit "today I sing the blues" auf ihrem debüt ARETHA unter. im gleichen jahr (1960) schrieb lewis (scheinbar nur) den text zu nat adderleys komposition "the old country", der zunächst auf sam jones' album THE SOUL SOCIETY auftauchte, dann von adderley selbst eingespielt wurde (THAT'S RIGHT).
"all night long", vielleicht das eine meisterwerk von lewis, ein song aus dem zwischenreich, über einen dream lover, der eine frau dazu bringt, ihre nächte damit zu verbringen, sein reales pendant zu finden, wurde sofort auch von anderen sängerinnen eingespielt, von nancy wilson (mit george shearing) und gloria lynne (mit earl may, beides 1961). eine unfassbar tolle instrumentalversion befindet sich auf freddie roachs BROWN SUGAR (1964), mit einem genuschelten joe-henderson-solo. sehr toll auch die version von ray charles (1965) und sonny criss (1974), bevor shirley horn endlich den song doch einspielte und daraus ihr meisterwerk machte (1981, 1984 und 2000). woran sich wiederum diana krall (1995), mary stallings (2001, mit eric reed) und randy crawford (mit joe sample, 2006) orientierten. eine spooky version gibt es noch von der belgischen band triggerfinger (2010).
"the old country", als dessen grundlage ich immer ein (schwedisches?) folkslied vermutet hatte, kann man wahrscheinlich als jazzstandard bezeichnen. die erste gesungene version ist von bill henderson (1961), danach kommt die berühmte von nancy willson mit dem adderley quintet (1962), gene mcdaniels (1963), dann dauerte es bis zur wiederentdeckung durch shirley horn (1984), bis das jarrett-trio damit auftauchte (mit dejohnette 1986, mit motian im deer head inn 1992), adderley es nochmal einspielte (1991). bis heute gibt es unzählige versionen, u.a. eine sehr schöne von ray bryant (1987).
"the great city", der generisch-euphorische new-york-song, wurde auch früh von shirley horn eignespielt (1964), zunächst aber von nancy wilson (1960) und joe williams (1963). eine schöne version ist doch die von les mccann (1965).
der letzte song von curtis lewis, der ein wenig die runde machte, ist "all soul", eine recht hübsche ballade, die ich nur instrumental kenne (hubert laws, 1964, willis jackson, 1965, john "hammond smith", 1969, george shearing, 1971, houston person, 2005).
die garden-suite wurde von marge dodson 1963 in new york in gänze gesungen, inklusive der gesprochenen verbindungs-teile, die lewis dafür komponiert hatte. danach dauerte es bis zur einspielung von shirley horn, bis man das storytelling dahinter entdecken konnte:

kurz vor seinem tod schrieb lewis noch den titelsong für den heute unbekannten film "the miracle of love" und arbeitete mit james baldwin an einer größeren broadway-show. er hinterließ frau und tochter, die sein erbe verwalteten.
worüber ich gerne mehr wüsste (abgesehen vom broadway-baldwin-projekt) ist, in welchen kreisen sich lewis bewegt hat - wie er an jobs gekommen ist, was seine netzwerke waren. wie kam nat adderley auf ihn, wie john levy? aber ich weiß nicht, wo ich nachschauen könnte.

