Guter Text aus der Frankfurter Rundschau:
1776
Lieder eines anderen Amerika – Dies Land ist mein Land
Woody Guthrie (1912–1967).
Eine kleine Geschichte der Lieder eines anderen Amerika.
Ein aus der US-amerikanischen Bildgeschichte herausragendes Foto stammt von dem Fotografen Arthur Rothstein (1915–1985). Es zeigt eine Mutter, die zwei Kinder in ihren Armen hält. Ihre Kleidung ist zerschlissen, die Gesichtshaut von der Sonne gegerbt, ihr Blick strahlt gleichermaßen Apathie und Überlebenswillen aus. Beim Betrachten des Bildes denkt man unweigerlich an John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ aus dem Jahr 1939, eindringlich verweisen Foto und Roman auf die Desillusionierung des amerikanischen Traums in den Jahren der „great depression“.
Ein nicht minder ikonisches Foto Rothsteins zeigt eine vom Sturm umtoste Hütte im Bundesstaat Oklahoma Mitte der 1930er-Jahre, es trägt den Titel „Dust Bowl, Cimarron County“. Die Aufnahme gehört zu einer Serie von Bildern, die Rothstein gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen wie Walker Evans, Dorothea Lange und anderen im Auftrag der Farm Security Administration (FSA) anfertigten, um die Notlage der verarmten Landbevölkerung zu dokumentieren.
In der Weltwirtschaftskrise nach 1929 war nicht allein das Prinzip des ökonomischen Wachstums zusammengebrochen. In weiten Teilen der Welt war der Fortschrittsglaube insgesamt erschüttert, wenngleich die Menschen auf den Fotos der FSA-Mission keineswegs nur ihre Kraftlosigkeit und Niedergeschlagenheit zum Ausdruck brachten, sondern auch Durchhaltewillen, menschliche Würde und Trotz.
Das war es wohl auch, was den Folksänger Woody Guthrie dazu bewogen hat, Rothsteins Hütte im Sandsturm als Cover für sein 1940 aufgenommenes Album „Dust Bowl Ballads“ auszuwählen. Die Lieder erzählen von Menschen im Sturm, die sich nicht nur einer Naturkatastrophe zu erwehren haben, sondern auch menschlichen Abgründen wie Gier, Egoismus und Fremdenfeindlichkeit.
Wie Steinbecks Roman handeln sie von den Flucht- und Wanderungsbewegungen entwurzelter Farmerfamilien aus Oklahoma, die sich von ihrer Übersiedlung nach Kalifornien Arbeit und bessere Lebensbedingungen erhofften und sich bald enttäuschten Erwartungen und Schlimmerem ausgesetzt sahen.
Woody Guthrie, so gesteht er im Text zum Album, war einer von ihnen. „Ich habe Millionen guter Menschen getroffen, die versuchen, durchzuhalten und am Leben zu bleiben, während der Staub jede Hoffnung zunichtemacht. Ich bin aus diesem Staub und aus diesem rasenden Wind gemacht, (…). Ich habe diese acht Lieder hier geschrieben, um euch zu zeigen, wie es ist, unter den wilden und stürmischen Wirren der großen Staubstürme zu leben, die kommen und gehen, auf- und absteigen.“ Folkmusik als teilnehmende Beobachtung und zur Mobilisierung der sozialen Ressourcen.
Woody Guthries „Dust Bowl Ballads” gelten als erstes Konzeptalbum der Popgeschichte. Die Lieder kreisen allesamt um die Lebensbedingungen, Nöte und Ängste der Arbeitsmigranten, die bald die Erfahrung machen mussten, im Land ihrer Träume nicht willkommen zu sein. Zwei Stücke der „Dust Bowl Ballads“ beziehen sich ausdrücklich auf die Familie der Joads, deren Überlebenskampf im Zentrum von Steinbecks Roman steht.
Den Abschluss des Albums bildet „Vigilante Man“, eines von Guthries berühmtesten Liedern, das später wiederholt gecovert wurde, etwa von der Rockgruppe Nazareth, Ry Cooder, Richie Havens und Bruce Springsteen. Guthries Begabung, aus scheinbar flüchtig hingeworfenen Alltagszenen eine über den Moment hinausweisende Spannung zu erzeugen, entfaltet auch Jahrzehnte später noch ihre gesellschaftliche Relevanz. In den Liedern verdichten sich die Konflikte der US-amerikanischen Geschichte.
Mit dem Begriff Vigilanten wurden lokale Bürgerwehren bezeichnet, die gegen die Not der abschätzig Oakies genannten Farmerfamilien und Obstpflücker Terror und Selbstjustiz verübten. Zu den dringlichsten Aufgaben der marodierenden Vigilanten gehörte es, Solidarität und gewerkschaftliche Organisation im Keim zu ersticken.
Wer hierzulande in den 1960er Jahren mit den Songs von Woody Guthrie, Pete Seeger, Joan Baez und anderen in Berührung kam, erlebte sie in mehrfacher Hinsicht als kulturelles Material. An ihnen konnte man das mühsam erlernte Schulenglisch verbessern, darüber hinaus boten sie anschauliche Exkursionen in die weitgehend unbekannte Sozialgeschichte eines Landes, in dem stets mit besonderem Stolz auf die Errungenschaften einer entwickelten Rechtsgeschichte verwiesen wurde. So weckten Steinbecks „Früchte des Zorns“ trotz der sozialen Härte und offenen Gewalt die Hoffnung auf eine letztlich fest verankerte Humanität.
Der Hass, der der Freiheit entgegenschlug
Woody Guthries Song „This Land Is My Land“ konnte als patriotische Hymne von unten verstanden werden, eine Art Empowerment der kleinen Leute. In den bundesrepublikanischen Nachkriegsjahren wirkte das wie ein subversiver Auftrag, sich die Gesellschaft anzueignen, in der man aufwuchs. Aus dem „anderen Amerika“ wehte dazu ein erfrischender Wind herüber, der Freiheit und Liberalisierung gleich um die Ecke verhieß. Die Musik der Soldatensender AFN und BFBS als Erziehungshilfe.
Das Lebensgefühl war auf die Weite des Landes ausgerichtet wie im Film „Easy Rider“, und bereitwillig war man geneigt, die Wut und den Hass zu übersehen, die den Harley-Helden Peter Fonda und Dennis Hopper in den Niederungen der amerikanischen Landschaft entgegenschlugen.
„The river flows, flows to the sea“, heißt es in dem Titelstück des Films, das Roger McGuinn von den Byrds von Bob Dylan übernommen und zu Ende geschrieben hatte. Wo immer der Fluss seinen Weg findet, möchte auch ich sein. Ungebunden wie Janis Joplin, die kurz vor ihrem Tod mit 27 die Ballade „Me And Bobby McGee“ aufgenommen hatte, ihr posthum erschienener Welthit. Die existenzielle Not, die in Janis Joplins weißem Blues auf geradezu schmerzhafte Weise zum Ausdruck kam, ging leicht unter im Lalala des Refrains.
Verstanden wurde der von Kris Kristofferson geschriebene Song als Aufbruchshymne junger Leute, die vorübergehend damit befasst waren, sich betont reduktionistischen Lebensweisen zu verschreiben. Nichts zu verlieren zu haben – „freedom is just another word for nothing left to lose“ – war gewissermaßen eine Grußbotschaft an die vorangegangene Lost Generation, der die umherziehenden Hobos wie Woody Guthrie angehörten. Hatte sich die US-Kultur nicht seit jeher auch als Showbühne für bewunderte Sozialisationstypen angeboten?
Dabei ist der melancholische Grundton, die Kehrseite des Fadings, meist überhört worden. Freiheit wird nicht nur ersehnt, sondern auch erlitten. Das lyrische Ich ist auf die Straße gesetzt worden und quält sich damit, sich so matt zu fühlen wie die verblichenen Jeans, die ihr oder ihm – der Song ist genderneutral – nach dem Rauswurf aus der Wohnung verblieben sind. Die Jeans symbolisieren ein existenzielles Minimum, das sogleich zum Zeichen der Unabhängigkeit veredelt wird.
Trost spenden zudem die Lieder, die während der gemeinsamen Autofahrt gesungen werden. Eben noch sehnsuchtsvoll zusammen, treiben die unterschiedlichen Freiheitsbedürfnisse auseinander. Verblichen ist am Ende des Liedes auch das kurze Glück. Was bleibt, ist die Erinnerung, in der dem Fading selbst hinterhergerufen wird.
All das sind Ablagerungen des kulturellen Gedächtnisses, man dreht noch immer das Radio lauter, wenn einer dieser Songs ertönt. Kaum sattsehen kann ich mich an einer Szene aus „Hard Rain“, einem Konzertfilm, der den zweiten Teil von Bob Dylans Rolling-Thunder-Revue aus dem Jahr 1976 dokumentiert.
Dylan und Joan Baez singen darin im Duett Woody Guthries Song „Deportee (Plane Wreck At Los Gatos)”, wohl auch als Reverenz an ihr fast zehn Jahre zuvor nach langer und schwerer Krankheit verstorbenes Idol. Das Lied bezieht sich auf einen Flugzeugabsturz aus dem Jahr 1948 in der Nähe des Los Gatos Canyons. Die Propellermaschine war von der US-Einwanderungsbehörde gechartert worden, um mexikanische Landarbeiter des sogenannten Brancero-Programms, deren Visa abgelaufen waren, zurück nach Mexiko zu bringen. Ein Abschiebeflug also.
Alle 32 Insassen der Maschine kamen ums Leben, Woody Guthrie beklagt in dem Song die Namenlosigkeit der Opfer: „The radio says, ,they are just deportees‘“.
Die bösen Zeiten seien vorbei, dachten sie
Anfang der 1960er Jahre hat Bob Dylan Guthrie in einem Hospital in New Jersey aufgesucht, um ihm ein paar Lieder vorzuspielen. Viele standen in der gesellschaftskritischen Tradition Guthries, zum Beispiel „The Death Of Emmett Till“ von 1962. Das Lied handelt vom rassistisch motivierten Lynchmord an dem 14-jährigen Emmett Till in Money Mississippi im August 1955. Der Freispruch der weißen Angeklagten löste in den Südstaaten schwere Proteste unter der schwarzen Bevölkerung aus.
Die historischen Umstände des Mordes nimmt Dylan als Vorlage, aber er schildert sie, als seien sie eben erst geschehen. In der Schlussstrophe heißt es, das Lied sei bloß eine Erinnerung daran, dass derlei Dinge noch immer geschehen, „in that ghost-robed Ku Klux Clan“. Aber wenn wir alles geben, endet der Text für Dylans Verhältnisse erstaunlich versöhnlich, „würden wir dieses großartige Land zu einem besseren Ort zum Leben machen“.
Die Protagonistinnen und Protagonisten der US-Gegenkultur, als deren Wortführer Bob Dylan nie gelten mochte, waren beseelt von dem Gedanken, das düstere, auf Rassismus und der Gewalt des Stärkeren gründende Amerika überwunden zu haben.
Das Wort Counterculture reifte vorübergehend zu einer Art Gütesiegel, einer trügerischen Markierung. Im Land der Maga-Bewegung unter Donald Trump hat man sich weitgehend von emanzipativen Ideen verabschiedet, und der Geltung rechtstaatlicher Prinzipien gleich mit.
Und die Protagonisten dieser auf alle Kontinente ausstrahlenden Gegenkultur? Im Sommer 2025 sang Neil Young bei einigen Konzerten seiner Europatournee auch seinen von 1970 stammenden Song „Southern Man“, eigentlich ein Abgesang auf einen von der Geschichte überholten männlichen Dominanztyp, der insbesondere in den amerikanischen Südstaaten verortet wurde. „Southern change will come at last“, heißt es darin prophetisch-triumphierend.
55 Jahre später klingt es wie das Eingeständnis, dass der „Southern Man“ in Gestalt narzisstisch lärmender Anführer der Tech-Branche wieder erstarkt ist. In die Momente der Rührung mischt sich salzige Bitterkeit, wenn man den betagten Ikonen Joan Baez und Neil Young dabei zusieht, wie sie auf provisorisch zusammengehauenen Protestbühnen vorm Publikum eines schwer verunsicherten Landes die brennende Aktualität ihres alten Liedguts beteuern.
Bob Dylan
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Re: Bob Dylan
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dogear
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Re: Bob Dylan
Hierzu eine zugegeben schon ältere Hommage derJoel Rafael Band
Woodeye - Songs of Woody Guthrie (2003)
Woodyboye - Songs of Woody Guthrie (and tales worth telling) (2005)
u.a. mit Van Dyke Parks (Piano, accordion)
Woodeye - Songs of Woody Guthrie (2003)
Woodyboye - Songs of Woody Guthrie (and tales worth telling) (2005)
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Der Rock ist ein Gebrauchswert (Karl Marx)
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Re: Bob Dylan
Weil es im anderen Thread um "Sooner or Later" ging, hier eine Perle:
Einen Song ausarbeiten. Kann man hier lernen. Sooner or later. I try later...
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Bob Dylan Tourband
Weiter ziemliches Kuddelmuddel bei Dylan.
Über den Verbleib von Doug Lancio wissen
wir immer noch nichts. Bob Britt hat selbst
die Reißleine gezogen und ist abgesprungen.
Julian Lage hat wie erwartet wieder eigene
Tour-Verpflichtungen (Killer-Band mit John
Medeski!). Gestern abend in Austin also
wieder ein neuer Gitarrist bei Dylan: Joel Paterson
https://www.boblinks.com/062926s.html
Scheint der hier zu sein:
Außerdem wird das Bobele immer schrulliger
mit seinen Hoodie-Kapuzen-Outfits. Sieht aus,
als wolle er bei Sunn O))) einsteigen ...
Über den Verbleib von Doug Lancio wissen
wir immer noch nichts. Bob Britt hat selbst
die Reißleine gezogen und ist abgesprungen.
Julian Lage hat wie erwartet wieder eigene
Tour-Verpflichtungen (Killer-Band mit John
Medeski!). Gestern abend in Austin also
wieder ein neuer Gitarrist bei Dylan: Joel Paterson
https://www.boblinks.com/062926s.html
Scheint der hier zu sein:
Außerdem wird das Bobele immer schrulliger
mit seinen Hoodie-Kapuzen-Outfits. Sieht aus,
als wolle er bei Sunn O))) einsteigen ...
- latho
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Re: Bob Dylan
Oder so:

Ich traue Dylan immer zu eine gute Begleitband zu finden. Es ist nur so, dass die Band mit Lancio so gut war...
If you talk bad about country music, it's like saying bad things about my momma. Them's fightin' words.
Re: Bob Dylan Tourband
Die wiederum waren am vergangenen Montag definitiv ohne Dylan auf der Bühne.icculus hat geschrieben: 30 Jun 2026, 12:08 Außerdem wird das Bobele immer schrulliger
mit seinen Hoodie-Kapuzen-Outfits. Sieht aus,
als wolle er bei Sunn O))) einsteigen ...
... And you may ask yourself "Well ... how did I get here?"
- Pheebee
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Re: Bob Dylan
UK-Dates:
25.11.: Bournemouth - Bic Windsor Hall
26.11.: Birmingham - BP Pulse Live
27.11.: Sheffield - Utilita Arena
30.11. + 01.12.: Blackpool - Opera House
03.- 05.12. / 07.+08.12.: London - Royal Festival Hall
Vieleicht kommen ja noch ein paar EU-Termine auf dem Festland dazu.
25.11.: Bournemouth - Bic Windsor Hall
26.11.: Birmingham - BP Pulse Live
27.11.: Sheffield - Utilita Arena
30.11. + 01.12.: Blackpool - Opera House
03.- 05.12. / 07.+08.12.: London - Royal Festival Hall
Vieleicht kommen ja noch ein paar EU-Termine auf dem Festland dazu.
Music’s for listening to, not to store away in a bloody cupboard. Yeah, I love my music.
Re: Bob Dylan
… und am 30. Oktober auch erneut in Luxemburg. Kleinere Halle und für mich auch noch näher als die anderen Orte. Sehr schön
... And you may ask yourself "Well ... how did I get here?"