
Carlo Levi: Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958
Aus der Rezension von Jens Uthoff für die WOZ. Zur Einordnung gibt es in der hübschen Ausgabe (C.H. Beck, 2024) ein Nachwort vom em. Prof. Bernd Roeck, der einst an der Uni meine Masterarbeit betreute.Levi spürt der Mentalität des Landes mit seiner jungen Demokratie (im Westteil) nach, beschreibt minutiös und eindrücklich den wegschauenden Deutschen, der einfach weitermacht. Gleich zu Beginn, in der Gaststätte Donisl in München, trifft er auf Frida, die von den Tätern in ihrer Familie erzählt und Levi mit auf den Weg gibt, in Deutschland niemandem über den Weg zu trauen: «Unvermittelt raunt sie mir zu: ‹Alles Deutsche ist nichts weiter als Hass›, und blickt auf ihren Bierkrug. ‹Glauben Sie nicht, was Sie sehen!›, fährt sie fort. ‹Alle haben ein Lächeln auf den Lippen, aber es gibt hier nur Hass.›»
Carlo Levi fängt diese unbehagliche Stimmung und das verbreitete Schweigen eindrücklich ein. Sein Buch, dem er in Anlehnung an einen Vers aus «Faust II» den Titel «Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958» gab, ist sprachlich hochstehendes Feuilleton alter Schule, eine Mischung aus Betrachtung und Beobachtung mit politischen Zwischentönen. Levi besucht in Dachau die Orte des Mordens, beschreibt den Clash der Welten in Berlin. Dort pinkelt er auch gegen ein Haus, von dem man ihm sagt, es sei das «Haus von Göring» gewesen.



