

H.R.S. hat eine Vorgeschichte, fängt 1937 als Organisation von Sammlern an, die unter der Leitung von Stephen. W. Smith einen Versand von Platten und auch Versteigerungen organisierte. Viele von diesen trug Bill Russell zusammen, der umtriebige Förderer des New Orleans Jazz (Gründer von American Music Records, Mann hinter Bunk Johnsons Comeback, Buchautor usw.), der zugleich auch Komponist neuer Musik war (John Cage meinte, Bill sei "the most gifted of us all"). Russell sammelte überall, wo er sie finden konnte, alte Platten ein, schickte diese an Steve und der brachte sie in den Verkauf.
Smith war neben seinen Aktivitäten für H.R.S. auch der de facto Produzent der ersten "Comeback"-Session von Jelly Roll Morton für Bluebird im Jahr 1939 und hatte dabei die Idee, dass Sidney Bechet und Albert Nicholas sich den Lead in "High Society" teilten, ebenso wie die Idee zu Duett von Bechet und Claude Jones im "Whinin' Boy Blues". 1940 holte ihn Decca ls Produzenten der New Yorker Sessions für das Album "New Orleans Jazz" (6 Platten mit Louis Armstrong, Red Allen, Zutty Singleton, Johnny Dodds und Jimmie Noone als Leadern). Empfohlen hatte ihn laut dessen eigener Auskunft George Avakian, der Mann hinter dem Vorbild des Albums, "Chicago Jazz" (1939 aufgenommen, aber auch 1940 erschienen laut Discogs). Für das New Orleans-Album brachte Smith u.a. Armstrong und Bechet wieder zusammen. Smith blieb jedoch fast immer im Schatten. Dan Morgenstern, der - natürlich - die Liner Notes zur Mosaic-Box schrieb, grub ordentlich, bis er das alles bestätigen konnte, und zitiert Avakian, der Smith"a quiet, private sort of person who kept to himself" nennt, "a short, wiry fellow with dark hair ... and the appearance of mien of a slowly aging bantam-weith boxer". Und noch einmal Avakian über Smith: "a practical guy who seemed anxious to hide a strand of romanticism that was in all of us fans and collectors" - und als Peter Falk mit seinem Trenchcoat im Fernsehen aufgetaucht sei, habe ihn dieser an Smith erinnert, "who usually wore a beat-up leahter jacket but had the same quizzical, ready-to-doubt air. he was a Socratic arguer whose questions were menat not to be answered, but to provoke thought." Er sei auch der erste gewesen, der seinen Unterhalt mit dem Herstellen von Covern für Pulp-Zeitschriften wie "Flying Aces" oder "Real Detective" bestritten habe. Smith habe dazu nur gemeint: "Picasso's an artist; I'm a commercial painter."
Im Mai 1937 begann H.R.S. mit dem Veröffentlichen von Reissues - doch das steht natürlich nicht im Fokus der Mosaic-Box, die 1999 erschein und 6 CDs umfasste (eine LP-Version gab es davon nicht). 1938 folgte die erste eigene Session mit Pee Wee Russell, 1939 öffnete Smith den HRS Record Shop an der 827th Avenue. Avakian erinnerte sich später, wie er im Sommer 1940 dort ausgeholfen habe ("two customers meant we were busy) und Platten von Jelly Roll Morton gehört habe, der wie andere ältere Musiker ab und zu reingeschaut habe, um einen Schwatz zu halten. Smith war also auf jeden Fall ein Mann, der das Vertrauen der Musiker genoss und gut vernetzt war. Brick Fleagle, der Gitarrist mancher Session und Leader mit den meisten Stücken im Mosaic-Set (die ganze sechste CD gehört seiner Band) war dabei wohl auch wichtig, indem er Kontakte herstellte (z.B. wirkte er bei einer Ellingtonians-Session von Rex Stewart in den Dreissigern mit, arrangierte für diese auch ein Stück, und 1940 tauchte Stewart dann bei H.R.S. auf). Fleagle war gleich alt wie Smith (1906 bzw. 1907 geboren) und hatte u.a. bei Hal Kemp und Orville Knapp gespielt, manchmal eigene Bands geleitet, für Jimmie Lunceford oder Chick Webb arrangiert, und ab den Fünfzigern leitete er ein eigenes Unternehmen, das Noten kopierte und arrangierte. Gemeinsam gingen Smith und Fleagle in den Cotton Club, um Ellington und seine Band zu hören - und einigen weitere Ellingtonians tauchten denn auch im Katalog von H.R.S. auf: Ben Webster, Lawrence Brown, Harry Carney oder der Bassist Billy Taylor.
Nach ein paar Sessions im Jahr 1940 unterbrach der Krieg die Aktivitäten von H.R.S. - und nachdem RCA Victor und Columbia bald den Jazz etwas ernster nahmen (bei Columbia war Avakian jetzt derjenige, der die Schätze im Blick hatte und an den Tag fördern konnte), hörte man auch mit den Reissues auf. Neue Aufnahmen waren wegen des Recording Ban (mehr dazu hier) unmöglich, zudem war Schellack zum raren Material geworden (dazu schon hier). Smith scheint in der Zeit einen Deal mit Keynote gehabt zu haben, wo 1944 zwei Sessions erschienen, die er produzierte hatte (Aufnahmen von Rex Steward vom 5. Juni 1944 und von Billy Taylor am 1. August 1944, beide mit ihren "Big Eight", was auch perfekt zu H.R.S. und Smith passt: Big Four, Big Six, Big Seven, Big Eight hiessen die meisten Bands bei H.R.S.). 1944 stieg Smith auch ins Geschäft der Musikverleger ein, zuerst unter dem Namen Roger West Publishers (Morgenstern meint, "Roger" für Fleagle, der Jacob Roger Fleagle hiess, und "West" für Smiths zweiten Vornahmen) und dann unter "Onyx Publishers". Dabei gab es wie schon davor für Platten auch irgendein Arrangement mit B.M.I. (wobei Morgenstern dazu meint, "nothing seems to have materialized").
1945 setzte das Label seine Aufnahmetätigkeit fort und fand in Heywood Hale Broun einen neuen Geschäftspartner. In einem Artikel in der Washington Post (25. August 1946) schreibt William Gottlieb (der Fotograf) einen Artikel über Smith und nennt ihn unter dem Foto, auf dem er zu sehen ist, "Daddy of the independents". Im Artikel liest man, H.R.S. "rents studios, jobs out record pressing and handles sales and deliveries by mail. These operations are typical of independents, except that HRS works on a higher plane. Steve figures he can afford to. His finished products are timeless." - Letzteres stimmt, wie die Mosaic-Box eindrücklich aufzeigt. Smith allerdings warf 1947 hin - Morgenstern meint, seine "tolerance for the vagaries of the record business was wearing thin." Mit seiner Frau Lee, "who by all accounts was a big help to him in his various jazz endeavors, though she also worked as a legal secretary" (so Morgenstern mit Bezug auf John Chiltons Bechet-Buch, wo dieser aus Korrespondenz mit Smith aus dem Jahr 1984 zitiert), zog Smith auf eine Farm in Valley Falls, NY, nordöstlich von Troy. Die Musik von H.R.S. erschien später auf Billig-Labeln "designed for the 5-and-10-cent store trade" (Avakian), die Sessions von Pee Wee Russell und Jack Teagarden kamen bei Atlantic neu heraus, bevor Riverside den Katalog kaufte und vieles wieder auflegte - allerdings laut Morgenstern in schlechter Qualität: "the transfers were so poor that those of us who had access to the 78s considered ourselves lucky, and few new ears could have been snared for this fine music."
Natürlich hatte ich von "this fine music" keine Ahnung, als 1999 die Mosaic-Box erschien. Wann ich sie kaufte, kann ich nicht mehr nachvollziehen (damals ging ich noch zwei, drei Mal im Jahr mit einem international money order zur Post, um CDs aus den USA von Mosaic und dem damals noch angeschlossenen Versand zu bestellen und zwei, drei Monate später kam dann in der Regel ein ein Kubus von 12 x 12 x 12 inch gefüllt mit Musik im Wert von mehreren hundert Franken). Die Entdeckungen, die man in dem Katalog machen kann, sind zahlreich und nach den Fäden zu V-Discs und Black & White habe ich gerade Lust darauf, auch diese Aufnahmen wieder einmal anzuhören.
(Die Zitate und Infos stammen aus Dan Morgensterns Einleitung im Booklet zur Mosaic-Box.)

































