
CD 4 öffnet mit drei Sessions von Peanuts Hucko von April, Mai und Juni 1947, wieder zurück an der Klarinette, seinem Hauptinstrument - und es gibt da gleich noch eine Version von "Sweet Georgia Brown" zum Einstieg, die damals aber nicht erschien. Gut möglich, weil Hucko ja schon auf der Version mit dem Joe Bushkin Quartet der Solist war. Beim zweiten Stück, "Blintzes Bagel Boogie", dient "Now's the Time" als Basis. Wir lassen den Dixieland allmählich hinter uns, es gibt raffinierte Arrangements und eine tolle Band, die auch ihre Soli kriegt: Bobby Hackett, Fred Ohms, Cliff Strickland (ts), Charlie Queener, Jack Lesberg, Morey Feld - und nur auf verschollenen Outtakes auch hier schon dabei die Sängerin Liza Morrow (sie sang "The Man I Love" und "My Melancholy Baby"). Strickland ist der nächste unbekannte Musiker hier, der ganz gute Soli spielt, was auch für Fred Ohms an der Posaune erneut gilt.
Von der zweiten Session überlebte leider sogar nur ein einziges Stück, "Stealin' Apples" - doch das hat es in sich! Dave Tough übernimmt am Schlagzeug, Huckos Klarinette ist das einzige Blasinstrument, Lou Stein, Mundell Lowe und Lesberg bilden mit Tough die Rhythmusgruppe. Das Stück erschien in den Siebzigern auf einer
LP der IAJRC. Und das ist dann wirklich kein Dixieland mehr. Vom Stück gibt es bekanntlich eine berühmte Goodman-Aufnahme (mit Fats Navarro) - aber diese hier kann auch mithalten. Lowe und Stein spielen ziemlich moderne Soli, Lesberg gelingt es, einen Walking-Bass zu spielen, der nicht völlig antiquiert wirkt - durch Vereinfachung und wiederholte Töne. Leider klingt die Aufnahme, die von der LP überspielt wurde, nicht halb so gut wie der Grossteil der Box, die wo immer möglich direkt von V-Discs überspielt wurde (inkl. Testpressungen und was immer halt als beste Quelle aufzutreiben war).
Bei der dritten Session ist die Band nochmal dieselbe, es gibt jetzt vier Stücke, ein Thema mit "Peanuts" (aber doch nicht die gesalzenen, das wäre für die Leute wohl doch etwas zuviel gewesen) liegt in der Lust mit "Peanut Butter" und "Stolen Peanuts", was nochmal "Stealin' Apples" ist (ich nehme an, die vielen "thinly veiled" Anleihen hatten was mit Royalties zu tun, leider wird das in den Liner Notes nicht kommentiert). Dazu gibt es "Someday Sweetheart" und "I Must Have That Man" - und es gibt wieder besseren Sound, wovon Tough und Lowe am meisten profitieren. Eigentlich ist das, 1947, bereits zeitloser Mainstream-Jazz, wie man ihn sonst eher erst so ab 1954 kriegen kann. Und das ist die Musik, die jemand wie Hucko machen wollte, wenn er - vermutlich - den Rücken frei hatte und machen konnte, was er wollte (Tony Janak, der Columbia-Mann, hat die erste und dritte Session produziert, bei der zweiten weiss man's nicht). Echt schön, jedenfalls!
Die zweite Hälfte von CD 4 gehört zu den Passagen aus der Box, die ich schon mal angehört hatte. Sie gehört je einer längeren Session von
Jo Stafford und Mildred Bailey sowie den ersten Aufnahmen von Martha Tilton. Stafford ist immer eine Freude zu hören, eine hervorragende Sängerin, die leider relativ selten mit Jazz-Bands ins Studio ging (in der Regel war ihr Ehemann Paul Weston als Arrangeur und Bandleader für die Musik zuständig). Im April 1945 nahm sie unter Simon ind en RCA Studios eine Session mit einer Ban auf, deren Mitglieder wir bis auf einen inzwischen kennen: Billy Butterfield, Lou McGarity, Hank D'Amico, Boomie Richman, Billy Rowland (das neue Gesicht am Piano), Hy White, Jack Lesberg und George Wettling. "Blue Moon" ist gleich zum Einstieg ein Höhepunkt - die gehaltenen Töne von Stafford, die Growl-Kommentare von Butterfield mit dem Plunger, Richman mit einem perfekten kurzen Statement. In ihrer kurzen gesprochenen Einführung weist Stafford zu Recht darauf hin, bei McGarity genau hinzuhören, was zum Glück D'Amico nicht aus dem Konzept bringt, der nach seinem Solo an der Reihe ist. Die viereinhalb Minuten ermöglichen hier eine Art Performance, wie sie Billie Holiday knapp zehn Jahre später regelmässig für Verve machte - mit noch besseren bzw. wenigstens prominenter besetzten Bands, die ebenfalls Raum kriegen und ganze zu einem echten Ohrenschmaus für Jazzliebhaber*innen macht. "Down That Lonesome Road" ist das zweite Stück - nach der Rubato-Passage mit Piano geht es hier mit Rubato und Gitarre los - Rowland und White machen das beide hervorragend. Im gesprochenen Intro hebt Stafford Butterfield hervor, der ein langes Solo am offenen Horn spielt und die leicht gedämpfte Stimmung des Arrangements und des Gesangs perfekt aufnimmt - ganz wie es danach Rowland in seinem Intermezzo tut, während dem der Bläser-Satz pausiert ... was man erst fast nicht bemerkt, weil er so perfekt ans Trompetensolo ansetzt. Für die nächsten drei Stücke gibt es keine gesprochenen Intros - die Session war mit sechs 4-5minütigen Stücken sehr produktiv. "Bakery Blues" ist natürlich ein Stück mit double entendre Lyrics ("my bakery ist the best one anywhere") - nichts, was man Stafford wirklich abnimmt, aber ihr Gesang ist auch hier erstklassig. Butterfield, Richman und besonders McGarity glänzen. In "Baby, Won't You Please Come Home" ist dann Butterfield wieder der Co-Star (mit Wettling hinter sich), während Stafford mit einer beeindruckenden Leichtigkeit über dem Beat schwebt. "Am I Blue" öffnet wieder mit Rubato und Gitarre zum Gesang, Richman und Rowland sind hier besonders gut - und ein unerwarteter Tempo- und Tonartwechsel markieren, dass das hier "hot music" ist, nicht etwa "sweet". Wettling wird dann im Intro für den Closer "I'm Coming Virginia" herausgestrichen. Wieder Rubato-Intro mit Piano, und dann ein recht zügiges Tempo mit der tollen Band, deren Musiker sich hier nach Stafford jeweils zu zweit einen Chorus teilen. Ein grosses Highlight und eine echte Entdeckung, diese Session - das könnte statt eine knappe halbe Stunde auch drei- oder viermal so lang weitergehen!
Mildred Bailey wurde im November 1943 nur mit Teddy Wilson am Klavier aufgenommen. Vier Stücke entstanden, alle mit kurzen gesprochenen Ansagen von Bailey. Und los geht es natürlich mit ihrem Hit "Rockin' Chair". Die Sängerin und der Pianist waren befreundet und arbeiteten zwischen 1935 und 1949 regelmässig zusammen - doch vermutlich nur dieses eine Mal im Duo (produziert hat Steve Sholes, der RCA-Mann im Produzenten-Kollektiv). Das Format ist einfach: Bailey singt einen Chorus, Wilson spielt einen, Bailey kehrt nochmal für einen halben zurück. In "Sunday, Monday or Always" gibt es noch ein tolles Piano-Intro und eine schöne gemeinsame Coda dazu. Die Novelty-Nummer "Crap Your Fat" scheint von Johnny Burke zu stammen. Im tollen Closer "More Than You Know" kriegt Wilson dann nur das Intro, danach singt Bailey ihre eineinhalb Chorusse. Auch das eine wunderbare Session - aber von einer Sängerin, die ich dank ihres eigenen Mosaic-Sets schon vor Jahren als eine grossartige Künstlerin kennengelernt habe (und die dankbarerweise vor allem Jazz aufgenommen hat). (Diese Session hatte ich dann auch schon auf der Classics-CD "1943-1945" von Bailey ... bei der Staffford-Session habe ich drei der sechs Tracks in einer JSP-Box ... aber mir hilft hier der Kontext und der gute Sound bei Mosaic echt, um das alles wirklich wertzuschätzen ... so gut manches bei JSP auch klingt, Design und Layout sind derart fürchterlich, da kann ich schwer ganz davon abstrahieren.)
Die nächsten drei Sessions gehören der Sängerin
Martha Tilton sowie dem Sänger
Jack Leonard. Im ersten Stück, der ersten Session (Oktober 1945) Hoagy Carmichaels "Two Sleepy People", singen die beiden zunächst ganz charmant im Duett, doch er Gesangspart vom Posaunisten Trummy Young ist dann das Highlight (im Vergleich wirkt Leonard schnell ziemlich flach) nebst kurzen Soli von Nick Caiazza und Bill Stegmeyer (cl). Young kriegt hier allerdings Lyrics, die der vielfach begabte George T. Simon, der hier produzierte, extra für ihn verfasste - und er kriegt Back-Up von Roy Eldridges gedämpfter Trompete. In "Thanks for the Memory" klingt Leonard gerade zu zögerlich - und nach ihm überraschenderweise auch Eldridge. Beide kriegen die Kurve, aber eine gute Aufnahme ist das nun wirklich nicht, auch wenn Billy Rowland ein ganz gutes Piano-Solo spielt und Trummy Young danach seine Posaune singen lässt. Erst danach ist Tilton auch nochmal zu hören - und die ist in einer ganz anderen Klasse als Leonard, den man besser heimgeschickt und seine Parts Trummy Young gegeben hätte. Neben den schon genannten sind noch Allen Hanlon, Trigger Alpert und Specs Powell dabei. Die Arrangements hat möglicherweise Dave Mann übernommen. Die CDs sind hier so satt gefüllt (eher selten bei Mosaic), dass das instrumentale Stück der Session, das unter "Bill Stegmeier and His Hot Eight" lief, "Tea for Two", die fünfte CD der Box öffnet. Hier explodiert Eldridge förmlich mit dem ersten Solo, bevor Trummy Young übernimmt, der bald "Fit as a Fiddle" zitiert. Rowland klingt ein wenig wie Guarnieri - was durchaus ein Kompliment ist. Stegmeier ist dann an der Klarinette fast zart, trotz des schnellen Tempos - ein schöner Kontrast zum fast ruppig einsteigenden Caiazza, auf den Alperts am Bass folgt, bevor Eldridge, Young und Powell ihre überschüssige Energie im stompenden Outro loswerden können. Auch hier profitieren alle vom zusätzlichen Platz, den das Format bietet, exakt fünf Minuten dauert das Stück.
Die zweite Session von
Martha Tilton - zum Glück ohne singenden Sidekick - ist vom Mai 1945, also von Mosaic wohl aus Zeitgrunden verkehrt herum programmiert. Hier hat Sy Oliver die guten Arrangements geschrieben und die Band ist auch wieder grosssteils bekannt, mit einem neuen Gesicht: Billy Butterfield, Vernon Brown, Joe Dixon (cl - der Neue), Nick Caiazza, Billy Rowland, Hy White, Felix Giobbe, George Wettling. "Beyond the Blue Horizon" ist eher ein Pop- als ein Jazz-Song, aber dank Olivers Arrangement und den Beiträgen vor allem von Butterfield und Vernon Brown verbleibt das nicht der Lethargie der Gesangs-Chorusse (Jo Stafford hätte auch diese erstklassig geschafft, Tilton macht ihre Sache nicht schlecht, aber das ist bei so einem Song, der fast nur aus Haltetönen besteht, auch sauschwer). Brown spielt dann ein schönes Intro für "Out of Nowhere" und begleitet danach Tilton mit Dämpfer. Die Sängerin klingt hier ziemlich gut - und noch besser klingt Caiazza in seinem Solo, dem ein Statement von Butterfield vorangeht, das etwas zu sehr am Thema klebt. "If I Had You" beginnt sehr schön, mit Stimme und ganz wenig Piano dazu. Dann steigt die Rhythmusgruppe ein und die Bläser spielen Liegetöne dazu. Brown und Dixon spielen gute Soli, Caiazza tritt in den Dialog mit Riffs der ganzen Band - und Butterfield schraubt dann mit Wettlings Support die Temperatur hoch, so dass Tiltons Wiedereinstieg beinah antiklimatisch wirkt - aber eben auch sehr reizvoll von der Arrangement-Idee her. Gefällt mir sehr gut, dieses Stück. "I'm in the Mood for Love" ist das letzte Stück dieser Session - hier bleibt nach dem Intro mit Gitarre das Balladentempo und alle kriegen ihre Spots - auch das eine superbe Performance, auch wenn Tilton nie eine Lieblingssängerin wird.
Die Dramaturgie der Box funktioniert auch bei intensivem Hören sehr gut. Und sie zeigt auf, wie viele der Musiker hier - z.B. Billy Butterfield - mühelos zwischen Dixieland und Swing hin- und herwechseln konnten.

Im Juli 1945 nahm Simon auch mit
Jack Leonard und
Sy Oliver eine Session auf. Leonard singt drei Stücke, Oliver das vierte - und natürlich hat er alles arrangiert. Jimmy Maxwell, Billy Pritchard, Hank D'Amico und Charlie Ventura sind die Bläser, Billy Roland, Allen Hanlon, Al Hall und Specs Powell bilden die Rhythmusgruppe. Im ersten Stück, "Sleepy Time Gal", finde ich Leonard recht charmant, die Unsicherheit gibt seiner Performance etwas Berührendes - jedenfalls ist das nicht flach und emotionslos. Die Highlights sind aber die Passagen für die Instrumentalisten mittendrin, die in den Dialog treten - zuerst die zwei Blech-, dann die Holzbläser. "I Don't Know Why" ist erstmals in der Mosaic-Box zu hören - und auch das ist eine überraschend gute Nummer. Pritchard (den kenne ich überhaupt nicht) spielt ein tolles Posaunensolo nach dem Gesangschorus, das sich vor Tommy Dorsey verneigt. Gute Statements von Rowland, Ventura (er hält sich für seine Verhältnisse zurück und gestaltet ein echt starkes Solo) und Maxwell (er zitiert "Just a Gigolo") folgen. "Honey" mit jumpendem Beat à la Basie ist die letzte Nummer von Leonard - und der kurze Gesangschorus ist überraschend okay (nach der Session mit Tilton ist das hier alles viel besser als befürchtet) - die folgenden Soli der Instrumentalisten sowieso. Ventura legt vor, Rowland folgt, D'Amico und Maxwell setzen die Glanzlichter - und Specs Powell ist im ganzen Stück toll. "Seventh Avenue" hat Powell mit Irene Higginbotham komponiert, Trummy Young hatte es im Januar 1945 für Continental zum ersten Mal aufgenommen - bei einer Session für die Ewigkeit, denn zwei junge Musiker namens Dizzy Gillespie und Charlie Parker wirkten mit. Die Version mit Oliver wirkt daneben etwas schief - und Steinman hat extra den Gitarristen Nick Rossi um eine kleine Analyse gebeten, die im Booklet wiedergegeben wird (es gibt Verschiebungen um einen Halbton zur Originaleinspielung im "main melody hook" und Young ist in der Ausgestaltung einfach funkier, während Olivers Version mehr straightforward ist).
Hier höre ich dann für heute mal auf, nach elf (von fünfundzwanzig) Stücken von CD 5 - denn als nächstes folgt ein langes Piano-Segment, das mit ausgedehnten Solo-Sessions von Art Tatum und Fats Waller beginnt. Thema für einen anderen Tag.
Don't play what the public want. You play what you want and let the public pick up on what you doin' - even if it take them fifteen, twenty years. (Thelonious Monk)
Demnächst auf Radio StoneFM: gypsy goes jazz, #173 – 09.06.2026, 22:00