Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

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hurley
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von hurley »

lotterlotta hat geschrieben: 23 Feb 2026, 11:52 Bild

@hurley

...ungestraft deine nummer eins im piano trio poll zu ranken und damit davon kommen ist hier ja wohl nicht drin. weiß ncht ob ich falsch liege aber hattest du die scheibe schon mal vorher im piano trio thread vorgestellt? wenn nicht musst du jetzt zur strafe 5 x um meinen wohnort(größte flächenstadt in hessen laufen (runner, nuff, runner, nuff, runner, nuff usw. usw). diese platte ist so mit das beste was ich in den letzten jahren an piano trio alben gekauft habe...., mir fällt es schwer so was genauer zu beschreiben, qualitativ mit money jungle auf augenhöhe ohne dessen machismo...klang überragend, craft reissue vom allerfeinsten, wer sie noch nicht hat, sollte sie kaufen so lange es sie noch gibt, meine kam gestern von imusic, war bestellware, keine ahnung ob die sie noch weiter bekommen.....habe jetzt 3 umläufe hinter mir, hätte ich sie schon vor toresschluss im poll gehabt, wäre eine neue top 5 die folge gewesen.....danke fürs ranken @hurley
danke @lotterlotta

hab deine Mail jetzt eben erst gesehen. Das Album ist schon seit sehr langer Zeit mein "holy grail" und ist wohl auch mein bisher teuerste Ewerb was Schallplatten angeht. Ich hatte sie mal von einem Freund als überspieltes Tapes Anfang der Nullerjahre bekommen und seitdem suchte ich ein Exemplar auf Vinyl was damals so ziemlich unmöglich gewesen ist...aber wer suchet, der findet. Das Reissue werde ich mir auch noch zusätzlich besorgen. Ich hatte das Album im alten RS Forum hier und da über die Jahre schonmal erwähnt und es war anderen aber auch schon bekannt, daher hatte ich es im Piano-Thread nicht explizit nochmal erwähnt... Dort war meine Entdeckung der Jahres wohl: "Free Spirits" von Mary Lou Williams Trio. Was für eine LP!
It Is The Time Of Great Confusion
bullschuetz
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von bullschuetz »

vorgarten hat geschrieben: 02 Mär 2026, 16:56 der knackpunkt für mich ist die frage, warum bullschütz CHANGELESS so nah am köln-konzert hört... vermutung: anders als beim 'eigentlichen' projekt des trios, nämlich jazz-standards neu zu interpretieren (sehr ungewöhnliches projekt von no-bop-eicher, eigentlich), gibt es ja hier den fokus auf die freien improvisationen, allerdings im trio, also als kollektive bewegung ...
Gut vermutet, ja, das passt. Jarrett solo tritt ja immer wieder mal, zumindest oberflächlich gehört, auf der Stelle, arbeitet sich in einen Vamp, ein Muster, einen Groove rein, reitet darauf herum oder, freundlicher ausgedrückt, kostet es aus, bis er beginnt, sich weiterzubewegen an einen anderen musikalischen Ort. Soweit ich die Solo-Aufnahmen präsent habe, treibt er das Prinzip aber kaum je so weit wie beim Köln Concert. Und vielleicht erklärt sich daraus sowohl die Popularität als auch die polarisierende Ausstrahlung des KC: Was für die einen eine meditative, fast trancehafte Qualität hat, geht für die anderen in Richtung New-age-Langeweile.

Changeless ist insofern ähnlich, weil ja wirklich jeder Track auf einem einfachen Grundgroove basiert (und meist im Grunde auf einem einzigen Akkord). Ausgefuchste Harmoniefolgen in Bebop-Tradition (was viele mit "typisch Jazz" assoziieren) gibt es bei Changeless gar nicht (insofern ein echter "No-Bop-Eicher") und beim KC nur in Spurenelementen, das ist halt alles sehr modal, und beide Aufnahmen kommen über weite Passagen auch noch ohne melodisch elaborierte Soli aus.

Wobei das KC "süffiger" ist, schwelgerischer. Changeless - schon der Titel ist ja eine programmatische Ansage - kommt mir in seiner Konzentration auf die Grundmuster konsequenter, konzeptionell entschiedener und radikaler vor. Die Variation passiert hier im Detail, sozusagen zwischen den Zeilen, subtil und, so scheint es mir, fast eher vorangetrieben von DeJohnette und Peacock als von Jarrett.

Während ich so drüber nachdenke, kommt mir der Verdacht, dass Changeless und KC vielleicht doch nicht so nah beieinander sind, wie ich zunächst intuitiv unterstellt hatte.
redbeansandrice
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von redbeansandrice »

Ich glaub eigentlich, das mit den Harmonien hören wir heute nicht mehr so streng wie die Menschen von früher... Im alten Forum hatte ich dieses Zitat von Steve Reich rausgesucht, wie revolutionär es war, dass Africa Brass von Coltrane einfach auf Albumlänge einen einzigen Akkord auskostet... Und genau aus dem Grund wurde das Album bei Erscheinen verrissen... Aber heute reagiert kaum mehr jemand auf das Album mit "ich hätte mir weitere Akkorde gewünscht"
bullschuetz
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von bullschuetz »

Ja, das stimmt. Ich selber habe es natürlich auch nicht wertend gemeint, sondern bloß beschreibend. Bei Changeless ist es halt explizit Konzept, alle vier Aufnahmen, nun ja, changeless anzulegen (wenngleich "Endless" eher ein aus zwei sich abwechselnden Akkorden gebautes Muster/Motiv hat).

Was ich vielleicht stärker hätte betonen sollen und worauf @vorgarten ja hingewiesen hat: Diese Tracks sind mehr oder weniger frei improvisiert, wobei bei dreien der vier Jarrett allein beginnt und zunächst solo das Muster etabliert. Und so funktionieren im Prinzip ja auch das KC und andere Soloaufnahmen, nur dass sich bei denen dann niemand hinzugesellt. Vielleicht hat mich das dazu verführt, den Solo-Jarrett und das Changeless-Trio kurzzuschliessen.

Wobei ich, je länger ich drüber grüble, desto mehr an mir selber zweifle. Denn Harmonien bzw Harmoniewechsel gibt es im Gegensatz zu Changeless beim Köln Concert ja durchaus nicht zu knapp, nur sind es keine amtlich nach Bebop klingenden Akkordprogressionen, sondern oft eher Wendungen, die mich an Klassik, Folk, Gospel oder gar Pop in diversen Mischungsverhältnissen erinnern. Ich stelle zum Beispiel mal die steile These in den Raum, dass die ersten 15 Sekunden von Köln Concert Part IIc auch das Intro zu einem Elton-John-Song sein könnten.
bullschuetz
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von bullschuetz »

Und jetzt schlag ich doch noch mal ne Rolle rückwärts: Der Anfang von Köln Part IIa hätte doch locker auch einen Track auf Changeless einleiten können und ist mit dem Pochen auf einer Taste, das den Groove so insistierend durchzieht, nicht so weit weg vom Anfang von "Dancing" auf Changeless, oder?
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thelonica
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von thelonica »

redbeansandrice hat geschrieben: 02 Mär 2026, 15:10 ....und warum damals tausende von Menschen gerade dieses Album haben mussten, ist eine rätselhafte Kuriosität....
Nee, das ist keine rätselhafte Kuriosität, wenn ich mir Alben von 1975 anschaue, war da was im Aufbruch künstlerisch (post Woodstock), auch in der Filmwelt (denke an Wim Wenders). Die Ästhetik vom Köln Concert Album in Black & White kann man z.B. bei anderen Alben finden: Horses, Born To Run, Rock 'n' Roll von John Lennon, Zuma, Tonight's The Night, Coney Island Baby, Physical Graffiti, Captain Marvel, Hätte sich "Born To Run" mit einem bunten Cover genausogut verkauft? Wahrscheinlich schon, aber mit dem B&W Artwork konnte man sich von der Masse absetzen und damit erfolgreich sein. Das funktioniert heute sogar noch ganz gut.

"New York City Serenade" von Springsteen beginnt mit Piano von David Sancious. Carole King, Elton John, Aretha Franklin, Nina Simone, Billy Joel, Roberta Flack, Joni Mitchell u.v.a. , bei allen ist das Piano wichtig. Das Publikum war offen für akustische Instrumente, auf den ersten 4 Tom Waits Alben sind überwiegend akustische Instrumente zu hören. Van Morrison und Springsteen (Randy Brecker und Richard Davis) hatten "Jazzmusiker" bei Aufnahmen dabei. Und Jarrett hatte sich sehr früh entschieden auf dem Piano weiterzumachen, das war ja ein großes Statement. Die Musik vom Köln Concert muss die Leute überall (von der Ostküste bis in den Westen) irgendwie berührt haben, vielleicht weil Freie Improvisation zugänglicher wurde, oder das Publikum war bereit sich darauf einzulassen. Man könnte auch fragen, warum Oscar Peterson so populär war? Oder Elton John in den USA. Das akustische Piano hat in der amerikanischen Musik eine lange Tradition. Deswegen gibt es wahrscheinlich auch viele Piano Compilations (mit Blues, Stride und Boogie Woogie). Und sogar Hampton Hawes erklärte im Interview mit Gerald Wilson, warum er sich wieder mit Ragtime, Boogie Woogie und Stride beschäftigte. Das erklärt jetzt alles nicht genug, aber kulturell muss man vielleicht noch genauer hinschauen.
soulpope
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Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von soulpope »

thelonica hat geschrieben: 02 Mär 2026, 23:40
redbeansandrice hat geschrieben: 02 Mär 2026, 15:10 ....und warum damals tausende von Menschen gerade dieses Album haben mussten, ist eine rätselhafte Kuriosität....
Nee, das ist keine rätselhafte Kuriosität, wenn ich mir Alben von 1975 anschaue, war da was im Aufbruch künstlerisch (post Woodstock), auch in der Filmwelt (denke an Wim Wenders). Die Ästhetik vom Köln Concert Album in Black & White kann man z.B. bei anderen Alben finden: Horses, Born To Run, Rock 'n' Roll von John Lennon, Zuma, Tonight's The Night, Coney Island Baby, Physical Graffiti, Captain Marvel, Hätte sich "Born To Run" mit einem bunten Cover genausogut verkauft? Wahrscheinlich schon, aber mit dem B&W Artwork konnte man sich von der Masse absetzen und damit erfolgreich sein. Das funktioniert heute sogar noch ganz gut.

"New York City Serenade" von Springsteen beginnt mit Piano von David Sancious. Carole King, Elton John, Aretha Franklin, Nina Simone, Billy Joel, Roberta Flack, Joni Mitchell u.v.a. , bei allen ist das Piano wichtig. Das Publikum war offen für akustische Instrumente, auf den ersten 4 Tom Waits Alben sind überwiegend akustische Instrumente zu hören. Van Morrison und Springsteen (Randy Brecker und Richard Davis) hatten "Jazzmusiker" bei Aufnahmen dabei. Und Jarrett hatte sich sehr früh entschieden auf dem Piano weiterzumachen, das war ja ein großes Statement. Die Musik vom Köln Concert muss die Leute überall (von der Ostküste bis in den Westen) irgendwie berührt haben, vielleicht weil Freie Improvisation zugänglicher wurde ....
@ "thelonica" : interessante Überlegungen, Dank für's Teilen ....
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bullschuetz
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von bullschuetz »

Dass es eine rätselhafte Kuriosität ist, glaube ich auch nicht so recht. Was @thelonica nennt, ist ja schon mal sehr bedenkenswert. Ich glaube auch, dass die Aufnahme einige Eigenheiten hat, die sie attraktiv für sehr viele machen: Die Wärme des Klavierklangs, die Aura der Authentizität und Natürlichkeit, des frei improvisiert direkt aus der Seele Fließenden, die Zugänglichkeit des musikalischen Materials, das sich auch Leuten erschließt, die überhaupt keine Jazz-Hörerfahrung mitbringen, das Kontemplative, Meditative, auch Suchende, all das macht KC potenziell sowohl populär als auch polarisierend. Ein komplett allein herumstehender Solitär ist es auch schon allein deshalb nicht, weil ja das gesamte Label ECM in dieser Zeit sehr erfolgreich wird und insgesamt für vieles steht, was auch im KC anklingt: Ein Eindruck von Nicht-Überladenheit, Transparenz, von Natürlichkeit und Weite, vielleicht manchmal auch ein ganz leiser Kitschverdacht ... Es fällt mir schwer, das auf eine Art zu beschreiben, die nicht esoterisch klingt, aber ich hoffe, es wird ungefähr klar, was ich meine.
soulpope
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Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von soulpope »

@ "bullschuetz" : das Solo Klavier war auch Ansatzpunkt des Crossover für jene Menschen, welche mit klassischer Musik sozialisiert wurden .... wenn möge bspws Scriabin hören ....
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bullschuetz
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Re: Das Piano-Trio im Jazz .... eine Fortschreibung

Beitrag von bullschuetz »

Ja, das glaube ich auch (wenngleich ich mich mit Scriabin nicht auskenne). Ich vermute mal, dass das KC vielen bildungsbürgerlich sozialisierten jungen Leuten vermittelte, dass Klavier nicht nur "Fingersätze üben im Klavierunterricht" bedeutet, sondern auch "seine Gefühle frei ausdrücken", zumal man etwas, das zumindest ein bisschen nach KC für Arme klingt, relativ einfach hinkriegt: eine repetitive Abfolge von zwei Akkorden nehmen, dazu mit einer simplen pentatonischen Tonleiter improvisieren. Dazu braucht man keinerlei Wissen um elaboriertere Jazzharmonik. Ich will damit natürlich nicht leugnen, dass Jarretts Musik aus weltenviel mehr besteht! Aber wenn man zum Beispiel "Endless" von Changeless nimmt, fällt schon auf, dass da auch die ersten fünf Minuten aus einem einfachen zweiakkordigen Pattern bestehen (Molltonika und der eine große Terz darunter liegende Dur-Akkord) und aus fast lupenreiner Pentatonik ziemlich komplett ohne Blue Notes oder Chromatik.