
Das große Comeback der Ärzte war ein Erfolg, brachte jedoch ein Dilemma mit sich: Die meisten Bands müssen das berühmte schwierige zweite Album nur einmal aufnehmen. Die Ärzte standen in Prinzip nun zum zweiten Mal vor dieser Aufgabe. Als sie mit den Aufnahmen zu dem Album, das später Planet Punk werden sollte, beginnen, ist der Druck im Studio immens. Die Band kommt sich öfter mal in die Haare, was dadurch erschwert wird, dass Bela B. unter besonders hartnäckigem Liebeskummer leidet, was man auch an seiner Performance merkt. Er steuert weniger Songs als gewöhnlich bei, verspielt sich häufig und muss ungewöhnlich viele Takes einspielen. Das wiederum befeuert seine Depression. So schlecht ist sein Gewissen, dass er die Kosten für seine Sticks heimlich aus eigener Tasche bezahlt, weil er nicht möchte, dass sein schlechtes Spiel der Band Geld kostet. Uwe Hoffmann, der nun bis einschließlich 2003 jedes Ärzte-Album produzieren wird, betrachtet das Treiben mit Sorgen und merkt: Diese Band muss die Freude am Spiel wieder entdecken. Die Ärzte unternehmen daraufhin eine Tour ausschließlich in Clubs, für die sie inzwischen eigentlich viel zu groß sind. Tickets dafür gibt's über den Fanclub. Einige der neuen Songs werden live ausprobiert, die Band entdeckt ihre Spielfreude wieder und verstehen sich wieder wunderbar. Auch Bela ist nach der Tour wieder hergestellt. Die restlichen Aufnahmen gehen ohne Probleme von statten.

Zwischen Die Bestie in Menschengestalt und Planet Punk wurde die Welt von einem von den USA ausgehenden Punk-Revival gepackt, dass an Bela, speziell aber an Farin Urlaub nicht spurlos vorbei geht. Vor allem in Fat Mike von NOFX entdecken beide einen Geistesverwandten in Sachen Humor und Melodieseligkeit. Auch die oft als Urväter des US-Pop-Punk/Melodic Hardcore geltenden Descendents, die ihr erstes Album im Gründungsjahr der Ärzte veröffentlichten, sowie deren Zweitband ALL werden für beide zur Inspirationsquelle. Uwe Hoffmann zimmert den Ärzten noch den passenden Gitarrenwand-Sound und so klingen Die Ärzte Mitte der 90er stärker nach einer Punkband als je zuvor. Der Punkt wird hervorragend durch Album-Closer "Opfer" illustriert, in dem ein Auftragskiller seine Taten damit entschuldigt, ja selbst nur ein "Opfer des Kapitalismus" zu sein. Und "Langweilig" hätte mit englischem Text und amerikanischer Plattenfirma vermutlich gar keine so schlechte Chancen auf eine US-Chartplatzierung neben Green Day gehabt, war aber nicht einmal in Deutschland eine Single.
Diese Ehre wird stattdessen zwei anderen Farin-Urlaub-Kompositionen zuteil. Als Leadsingle erscheint der "Schunder-Song", benannt nach Ärzte-Crewmitglied Erik Schunder. Die dazugehörige Maxi-CD erscheint unter dem Titel "Ein Song namens Schunder". Warum? "Aus Scheiß", wie Farin schnell und bündig erklärt. Der geistige Nachfolger von "Ohne Dich" wird musikalisch mit Ska-Punk-Anleihen gespickt (auch The Mighty Mighty Bosstones gehören in dieser Ära zu Farins Lieblingsbands), als Video wird eine mit den Gewaltfantasien des Textes brechende glamouröse Hommage an die Filme Busby Berkeleys, einem Meisterchoreografen des klassischen Hollywood, gedreht. Und auch Single zwei setzt in der bildlichen Umsetzung einen Kontrast. Zu "Hurra" scheint der schwarz-weiß-Clip mit deprimiert dreinblickender Band kaum zu passen.
Bei dem Song handelt es sich meiner bescheidenen Meinung nach um einen der besten Ärzte-Momente, in Sachen "Kommentare zum Zeitgeist" vielleicht sogar um den besten. "Und dann, dann kam die Wende / und unser Leid war zu Ende" singen Die Ärzte in diesem zynischen Antwortsong auf "Wind of Change" von den Scorpions. Das Auseinanderklaffen von Bild- und Klanginhalt im Video passt auch heute perfekt zu dieser irrealen Einheitsfeier, bei der etwas zelebriert wird, das in der Realität kaum ferner sein könnte. Damals rechnete "Hurra" ab mit einem wieder erstarkenden Nationalstolz, auf den sich Sozial- und Christdemokraten einigen konnten (Einheit!), und der auf der naiven Fehlannahme basierte, mit der Wiedervereinigung würde Francis Fukuyamas "Ende der Geschichte", die Überwindung ideologischer Konflikte, ausgerechnet auf deutschem Boden verwirklicht und so – hip hip hurra! – das Utopia der bürgerlichen Demokratie entstehen. Weil dass Deutschland auf dieser Welt ("Europa, Asien, Afrika, Australien und Amerika / Friede, Freude, Eierkuchen / Alle singen ja!") eine wegweisende Rolle einnehmen muss, in dieser Ansicht herrscht sie dann doch, die Einheit... Viel schöner kann man Pop-Punk eigentlich kaum einsetzen, um der Tristesse einer sich selbst verarschenden politischen und kulturellen Elite den Spiegel vorzuhalten.
Nach seiner Veröffentlichung schreibt Planet Punk die Erfolgsgeschichte der Ärzte fort. Das Album erreicht, wie sein Vorgänger, den 2. Platz der Album-Charts, der "Schunder-Song" lässt die beste Band der Welt erstmals die Single-Top-5 knacken und peakt auf Platz 4. Auch "Hurra" schafft einen für eine nach Erscheinen des Albums veröffentlichte Single hohen 25. Platz. Nach der Veröffentlichung schnappen sich Die Ärzte die beiden neuen deutschen Punk-Hoffnungen WIZO und Terrorgruppe und geht mit je einer der beiden Bands im Vorprogramm auf eine ausgedehnte Tour.
Auf die Auszeit, die sich viele Bands nach dem Promo-Marathon und der Tour zu einem neuen Erfolgsalbum gönnen, verzichten Die Ärzte, weil während der Aufnahme zu Planet Punk eine Idee aufgekommen ist, die sie sofort in die Tat umsetzen wollen. Weil sowohl Bela mit "Vokuhila Superstar" als auch Farin mit "Straight Outta Bückeburg" Songs geschrieben haben, die sich mit dem Thema Behaarung auseinandersetzen, beschließen Die Ärzte beide Titel nicht für Planet Punk zu nutzen und sie stattdessen für eine Konzept-EP zum Thema Haare zu verwenden.

Die Aufnahmen zu dieser EP sind das komplette Gegenteil der leidgeplagten Aufnahmen zum Vorgänger. Das absurde Konzept beflügelt Die Ärzte zu Höchstleistungen und Bela und Farin versuchen sich richtiggehend mit ihren Songs über Haare gegenseitig in Absurdität und Erfindungsgeist zu übertrumpfen. Die Stimmung im Studio ist ausgezeichnet und auf einmal haben Bela, Farin und Rod, ohne es geplant zu haben, ein ganzes Album aufgenommen. Die Plattenfirma rät von der Veröffentlichung eines neuen Albums sobald nach dem letzten ab, weil die Gefahr besteht, dass man sich selbst Konkurrenz machen könnte, doch die Band besteht auf ihrer Schnapsidee.
1996 erscheint Le Frisur, ein absurdes und anarchisches Album, das keine andere Band dieser Größenordnung gemacht, geschweige denn herausgebracht hätte und das die Einzelstellung der Ärzte in der deutschen Musiklandschaft unterstreicht - erst recht als es den vierten Platz der Album-Charts erreicht. Als Singles erscheinen die einmal mehr von Surf-Harmonien geprägte Farin/Bela-Co-Komposition "3-Tage-Bart" und die Ramones-Hommage "Mein Baby war beim Frisör". Besonders gelungen ist der Videoclip zu ersterer, in dem Die Ärzte ein typisches Musikvideo im Stile der gerade aus allen Ecken aus dem Boden sprießenden Boybands nachstellen.
1997 ist dann doch noch das nach zwei Alben und dazugehörigen Touren in Folge höchstverdiente langsame Ärzte-Jahr. Es ist aber auch das Jahr, in dem der Grundstein für eine spätere Entwicklung in der Bandgeschichte gelegt wird. Obwohl sie längst in Arenen spielen könnten, spielen Die Ärzte weiterhin bevorzugt Club-Konzerte, weil sie der Überzeugung sind, dass ihre Show in großem Ambiente nicht funktionieren würde. Im Rahmen einer Tour als Vorband von KISS (was seltsam erscheint, sich aber dadurch erklärt, dass Bela und Rod riesige Fans sind) werden sie zu Rock im Park und Rock am Ring eingeladen. Zu ihrem eigenen Erstaunen funktioniert ihre Show dort ganz ausgezeichnet. Die Zukunft der Ärzte als beliebter Festival-Headliner hat hier ihren Ursprung.
Für 1998 soll es dann wieder ein neues Ärzte-Album geben. Bela, Farin und Rod treffen sich mit Manager Axel Schulz und Produzent Uwe Hoffmann, um ihre Demos für dieses nächste Werk zu präsentieren. Nachdem das Tape mit Farins Demos zu Ende ist, blickt Hoffmann in den Rest der Runde. Sein erster Satz: "Da ist ein todsicherer Hit drauf..."